LUNGENÄRZTE

im Netz

In Zusammenarbeit mit:

10.08.2022

Die Pandemie ist vorbei - Empfehlungen zur aktuellen Corona-Situation

Die Corona-Situation hat sich seit Anfang des Jahres – aufgrund der Möglichkeit von Corona-Impfungen sowie der Veränderung der SARS-Cov-2-Viren und ihrer Haupteigenschaften (Infektiosität und Virulenz) komplett verändert! Dennoch verursacht in den Kliniken insbesondere das tägliche Testen auf Corona unnötige und immense Personalausfälle sowie ein Isolationschaos bei der Bettenbelegung. Wichtige Operationen, Eingriffe und Behandlungen müssen verschoben werden. Es kommt zu Staus bei Verlegungen und Entlassungen in die Geriatrie, Rehakliniken, Pflegeeinrichtungen etc., kritisieren die Lungenärzte des Verbands der Pneumologischen Kliniken (VPK).

© Pavel Losevsky_Fotolia.com

Noch immer werden Infektionen mit der aktuellen Variante des SARS-CoV-2-Virus mit der weitaus schwerer und ganz anders verlaufenden Krankheit aus den Jahren 2020 und 2021 gleichgestellt. Dabei hat sich die Corona-Situation seit Anfang des Jahres aufgrund der Möglichkeit von Corona-Impfungen sowie der Veränderung der SARS-Cov-2-Viren und ihrer Haupteigenschaften (Infektiosität und Virulenz) komplett verändert! „Erkrankungen nach einer Infektion mit der Omikron-Variante verlaufen weitaus weniger schwer oder sogar symptomlos und sind insofern nicht vergleichbar mit dem, was Mediziner durch die Varianten Alpha, Beta und Delta gesehen haben,“ betont Dr. med. Thomas Voshaar, Vorstandsvorsitzender des Verbands Pneumologischer Kliniken (VPK) und Chefarzt des Lungenzentrums am Krankenhaus Bethanien in Moers. „COVIDCOVID
siehe "Was ist Covid?"
als schwere und auch lebensbedrohliche Erkrankung mit einer sehr besonderen Form der Lungenentzündung wird in den Krankenhäusern praktisch nicht mehr gesehen. Auch die RKI-Zahlen zeigen, dass die Sterblichkeit durch Corona seit Anfang des Jahres unter diejenige einer Influenza gesunken ist, wenn man „an“ und „mit“ Corona erkrankt bzw. verstorben richtig trennt. Außerdem stehen mittlerweile auch Medikamente zur erfolgreichen Behandlung schwerer Fallverläufe zur Verfügung. Die nunmehr wenigen Todesfälle infolge Corona betreffen fast nur noch schwer Immunsupprimierte und nicht mehr die bisherigen so genannten Vulnerablen (über 60 Jahre, mit bestimmten Vorerkrankungen).“

Impfungen und Infektionen reduzieren das individuelle gesundheitliche Risiko

Mittlerweile dürften die meisten Menschen mit dem Coronavirus und seinen Varianten schon einmal in Kontakt gekommen sein: Entweder durch Infektion und/oder durch Impfung. Durch die wiederholte Stimulation des Immunsystems bei der Konfrontation mit veränderten Viren (Infektion) bzw. Virusantigenen (Impfung) reduziert sich das individuelle gesundheitliche Risiko. „Insbesondere multiple Infektionen verleihen dem ImmunsystemImmunsystem
Das körpereigene Abwehrsystem besteht aus drei Funktionskreisen:
(1) Knochenmark als Bildungsort für Immunzellen.
(2) Verschiedene zentrale Immunorgane wie Thymus (Prägung von T-Lymphozyten) und darmnahe Lymphorgane (für die Prägung von B-Lymphozyten).
(3) Sekundäre Lymphorgane wie Milz, Lymphknoten und Mandeln (Tonsillen).
Man unterscheidet die so genannte humorale Abwehr (über die Körperflüssigkeiten mit darin enthaltenen Antikörpern und Faktoren aus dem so genannten Komplementsystem) und die zellvermittelte Abwehr (mit B- und T-Zellen, Makrophagen, Antigen-präsentierenden Zellen, Granulozyten u.a.).
eine verbesserte Abwehrkraft bei der Bekämpfung von Viren. Nach einer Infektion werden AntikörperAntikörper
Antikörper werden auch Immunglobuline (Ig) genannt und sind Eiweißstoffe (Glykoproteine), die der menschliche Körper nach Kontakt mit einem Fremdstoff (Antigen) bildet. Diese Antikörper können dann gezielt (in der sogenannten Antigen-Antikörper-Reaktion) an die Antigene binden. Die so entstehenden Immunkomplexe werden dann unschädlich gemacht. Erhöhte Ig-Mengen weisen allgemein auf eine gesteigerte Immunabwehr hin, wie sie bei akuten oder chronischen Infektionskrankheiten (allergischen und parasitären Krankheiten) häufig auftritt. Man unterteilt die Immunglobuline in vier verschiedene Klassen (Ig A, Ig E, Ig G und Ig M). Je nachdem welcher Typ vermehrt vorliegt, erlaubt dies Rückschlüsse auf die vorliegende Krankheit.
gegen Coronaviren auch auf den Schleimhäuten, z. B. in der Nase (sog. Schleimhautantikörper, IgA-Antikörper) gebildet, während bei einer Impfung die AntigeneAntigene
Antigene sind bestimmte Oberflächenstrukturmerkmale (chemische Moleküle), die für jeden Erreger und jede Substanz charakteristisch sind, vom körpereigenen Abwehrsystem (Immunsystem) als fremd („not self") erkannt werden und eine Abwehrreaktion (Immunreaktion) auslösen.
des Virus ausschließlich ins Blut gelangen und dort eine Antikörperproduktion stimulieren. Eine Infektion mit Corona hat insofern auch Vorteile: Genesene bekommen einen zusätzlichen Immunschutz in der Nasenschleimhaut und erlangen eine viel breitere und aktualisierte Immunantwort gegen Coronaviren, da die Infektion ja durch die aktuell vorherrschende Variante verursacht wird und nach einer Infektion bei der Virenvermehrung im Körper Millionen von Viren entstehen und damit auch wiederum viele direkt mutierte Virusvarianten. Gegen all diese unterschiedlichen Antigene werden dann Antikörper gebildet und T-LymphozytenLymphozyten
Diese Zellen sorgen für die Immunabwehr und sind sogenannte „immunkompetente Zellen“, weil sie die Fähigkeit besitzen, diejenigen Antigene, mit denen sie in Kontakt kommen, individuell zu erkennen und speziell zu bekämpfen. Man unterscheidet B- und T-Lymphozyten
 
geprägt, so dass künftig eine der Impfreaktion überlegene Immunantwort bereitsteht“, erklärt Dr. Voshaar. Auch von anderen Viren als SARS-CoV-2 ist bekannt, dass die stetige Interaktion unserer lernenden Immunsysteme mit den sich verändernden Viren im Laufe der Zeit ein normales Leben mit diesen Krankheitserregern ermöglicht.

Corona-Maßnahmen im Klinikalltag limitieren die Versorgung

Dennoch bleiben die bisherigen Corona-Maßnahmen im Klinikalltag bestehen. Insbesondere das tägliche Testen auf Corona verursacht unnötige und immense Personalausfälle sowie ein Isolationschaos bei der Bettenbelegung, kritisieren die Lungenärzte des Verbands Pneumologischer Kliniken (VPK). „Wer Corona positiv ist, aber keine Symptome hat, sollte mit FFP2-Maske und unter Beachtung der Hygieneregeln arbeiten dürfen. Wer krank ist, bleibt zu Hause“, ergänzt Dr. Voshaar. Sonst müssen wichtige Operationen, Eingriffe und Behandlungen verschoben werden. Es kommt zu Staus bei Verlegungen und Entlassungen in die Geriatrie, Rehakliniken, Pflegeeinrichtungen etc.

Corona-Regeln eigenverantwortlich und situationsgerecht anwenden

Ärzte und andere Forscher ziehen daher eine Zwischenbilanz mit Empfehlungen an die Regierung, die sie in Form eines Positionspapiers auf www.sokrates-rationalisten-forum.de/ veröffentlicht haben: Solange keine Variante mit schwererem Krankheitsverlauf auftritt, stellt das Coronavirus aus medizinischer und epidemiologischer Betrachtung nach derzeitigem Sachstand keine Gefahr mehr für das Gesundheitssystem und die Bevölkerung dar. Beim gegenwärtigen Übergang von der PandemiePandemie
Unter einer Pandemie versteht man eine sich weit verbreitende und dabei ganze Länder oder Kontinente erfassende Krankheit.
Vermischen sich beispielsweise die Erbinformationen von zwei verschiedenen Influenza-Viren in einem Zwischenwirt (z.B. Schwein), tritt ein neuer Virus-Typ mit noch unbekannten Eigenschaften auf. Dieser so genannte Subtyp kann sich schnell ausbreiten, da die Menschen gegen diesen Erreger weder über natürliche noch infolge einer Schutzimpfung aufgebaute Antikörper verfügen. Der jährliche Grippe-Impfschutz erfasst zwar neue Varianten des Influenza-Virus (d.h. leichteVeränderungen in der Oberflächenstruktur), aber keine komplett neuartigen Subtypen. Bricht eine Pandemie aus, muss daher schnell ein Impfstoff gegen den neuen Subtyp entwickelt werden und/oder ein antiviral wirksames Medikament flächendeckend eingesetzt werden.
zur Endemie sind die Ansteckungsrisiken bzw. die Infektionszahlen nicht mehr die entscheidenden Kennziffern. Der Staat handelt daher nicht verantwortungslos, wenn er Corona-Infektionen mit nur geringem Risiko für schwerwiegende Verläufe zulässt und dabei nur die vulnerablen Gruppen schützt. „Man sollte vielmehr der Bevölkerung, die nach fast drei Jahren Pandemie ja eine gewisse Routine entwickelt hat, zutrauen, dass sie eigenverantwortlich mit dem Gefährdungspotential umzugehen weiß. Das bedeutet, die AHA+L-Corona-Regeln weiterhin situationsgerecht anzuwenden, also Maske tragen bei geringem Abstand sowie in schlecht belüfteten oder engen Räumen - während dies draußen an der frischen Luft nicht erforderlich ist. Viele Bürger haben schnell erkannt, dass Infektionen mit den aktuellen Virusmutationen sehr viel milder verlaufen als mit dem Wildtyp und den ersten Varianten. Daher sollen künftig Vorsicht und Toleranz gegenüber unterschiedlichen Situationen das Handeln der Menschen bestimmen – und diese Haltung sollte durch den Staat gestärkt werden“, erläutert Dr. Voshaar.

Empfehlungen für die Regierung im kommenden Herbst und Winter

Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen und Erkenntnisse und solange sich keine Coronavirus-Variante mit schwerem Krankheitsverlauf entwickelt, schlagen die Lungenärzte des VPK folgende Empfehlungen für den kommenden Herbst und Winter vor:

  • Nur die Anzahl ausschließlich schwerer Viruserkrankungen (mit Angabe des Virustyps) ist wirklich von Bedeutung und sollte daher auch die künftige Kennzahl zur Beurteilung der Corona-Situation sein. Die Anzahl der Menschen mit Omikron-Infektionen in den Kliniken ist hingegen nicht mehr relevant.
  • Im Herbst 2022 werden wir keine Maßnahmen wie Lockdowns, Schulschließungen, ständiges Testen oder Maskenpflicht benötigen. Eine Krankschreibung sollte nur bei den wirklich Erkrankten erfolgen. Eine Quarantäne ist im Hinblick auf den milden Verlauf der meisten Infektionen nicht mehr erforderlich.
  • Der Staat hat insofern aktuell keinen Regulierungsbedarf mehr, der über die klassischen Formen der Gesundheitsvorsorge hinausgeht. Er soll dafür sorgen, dass getestete, wirkungsvolle und nach den bewährten Regeln zugelassene Impfstoffe in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Falls erneut potenziell lebensbedrohliche Coronavirusvarianten kursieren, sind die bisherigen Impfstoffe mit diesen neuen Varianten abzugleichen – vergleichbar mit der jährlichen Anpassung der Influenza-Impfstoffe.
  • Der Staat soll die Bürger klar und offen auf Grundlage einer evidenz-basierten Wissenschaft und nicht auf Basis von Hochrechnungen epidemiologischer Beobachtungsstudien informieren. Staatliche Kommunikation sollte frei von Angstmache, faktenbezogen und konsequent an der Wissenschaft orientiert sein. Der Leitgedanke des mündigen Bürgers sollte im Mittelpunkt stehen.
  • Die wissenschaftliche Aufarbeitung der vergangenen Jahre ist unerlässlich. Wir benötigen dringend eine Rückkehr zu den klassischen und bewährten Standards der Immunologie und der klinischen Prüfung von Impfstoffen. Ohne begleitende systematische Kohorten-Untersuchungen und Grundlagenforschung bleiben viel politische Vorgaben ohne Grundlage und Überzeugungskraft.
  • Das Vertrauen in die Impfstoffe wird durch die aktuelle Diskussion über Impfnebenwirkungen gestört, woran auch die ungenügende Verpflichtung der Firmen auf aussagefähige Studien nicht ganz schuldlos sein dürfte. Besser wäre es, zum bewährten verpflichtenden Nachweis zurückzukehren, dass gravierende Nebenwirkungen nicht oder nur in geringem Umfang und in vertretbarer Intensität auftreten.
  • Zu den Pandemieschäden gehören auch Kollateralschäden (verzögerte oder fehlende Krankenhausbehandlung, Verschlimmerung psychiatrischer Vorerkrankungen, Entwicklungsstörungen bei Kindern usw.), deren Bedeutung im Sinne eines Gesamtschadens bzw. der Verantwortungsethik künftig viel mehr berücksichtigt werden müsste.

 

Herbst und Winter mit berechtigtem Optimismus entgegensehen

Fazit der Lungenärzte des VPK: Wir können diesem Herbst und Winter mit berechtigtem Optimismus entgegensehen, da wir mit den aktuellen Virusvarianten von weniger schweren Krankheitsverläufen ausgehen und uns gleichzeitig auf die Schutzeffekte durch Impfungen und vor allem das großartige Lernvermögen und Gedächtnis unseres Immunsystems verlassen können. „Unsere Erfahrung in Deutschland entspricht dabei der in vielen anderen europäischen Staaten, die zumeist ganz auf Maskenpflicht und Coronatests verzichten, weil sie inzwischen (im Gegensatz zu Deutschland) eine gute Datenerfassung haben. Dort liegt der Antikörpernachweis gegen das Coronavirus infolge Durchseuchung bzw. aufgrund der Impfungen bei über 99 %“, bekräftigt Dr. Voshaar.

Quelle: äin-red

Dies ist eine Pressemeldung des Verbands Pneumologischer Kliniken (VPK). Der Abdruck dieser Pressemeldung oder von Teilen des Artikels ist unter folgender Quellenangabe möglich: http://www.lungenaerzte-im-netz.de/. Bei Veröffentlichung in Online-Medien ist diese Quellenangabe (in Form eines aktiven Links entweder auf die Startseite oder auf eine Unterseite der Webseite der Lungenärzte-im-Netz) erforderlich, bei Veröffentlichung in Printmedien ist ebenfalls ein Hinweis auf diese Webadresse notwendig.

Autor/Autoren: äin-red