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Bei Lungenkranken auch nach Gebrechlichkeit fahnden

Gebrechlichkeit (Frailty) treibt die Häufigkeit von Krankenhausbehandlungen und Sterblichkeit von Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen in die Höhe…

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Gebrechlichkeit (engl. frailty) ist ein komplexes multi­dimensionales Syndrom, das nicht nur in der Geriatrie häufig zum Problem wird, sondern z. B. auch auf chronische Lungenerkrankungen wie Asthma, COPD oder interstitieller Lungenerkrankung (ILD) einen negativen Einfluss haben kann. Experten der European Respiratory Society haben sich jetzt des Themas angenommen und wichtige Aspekte zusammengefasst (siehe European Respiratory Journal, online seit 6.7.2023).

Ein wichtiges Kennzeichen für Frailty ist der Verlust von physiologischen Reserven, was die Empfänglichkeit für ungünstige endogene und exogene Stressoren steigert. Vor allem Patienten mit COPD oder nach Lungentransplantation sind mit bis zu 60 % besonders stark betroffen. Am stärksten gefährdet sind Erkrankte mit schwer beeinträchtigter Lungenfunktion, ausgeprägter Atemnot und häufigen Verschlechterungen (Exazerbationen).

Als gemeinsame biologische Grundlage von chronischen Lungenerkrankungen und Frailty gelten Entzündungsprozesse (systemische Inflammation), gefördert durch Lifestyle-Faktoren wie schlechte Ernährung, Rauchen und körperliche Inaktivität. Der Einfluss ist reziprok: Die Atemwegserkrankung erhöht das Frailtyrisiko und die Frailty wirkt sich wiederum negativ auf die Erkrankung aus.

Für COPD konnte in Studien gezeigt werden, dass Frailty das Fortschreiten der Erkrankung beschleunigt, die Beschwerden verstärkt und mit häufigen Verschlechterungen (Exazerbationen) verbunden ist. Wenn letztere auftreten, werden die Patienten etwa sechsmal häufiger beatmungspflichtig als nicht-gebrechliche COPD-Patienten. Zudem weisen sie ein vierfach höheres Mortalitätsrisiko auf als fittere Leidensgenossen.

Trotz der großen Relevanz fand das Thema in den Leitlinien lange Zeit keinerlei Niederschlag. Erst in den jüngsten Updates der COPD-Leitlinien wird es mehr oder weniger kurz erwähnt. Empfehlungen, wie man damit umgehen soll, fehlen jedoch. Deshalb wird bisher bei Lungenpatienten auch nicht in ausreichendem Maß nach Anzeichen für Frailty gesucht, mutmaßen die Autoren.

Dabei sind hilfreiche und geeignete Instrumente für eine medizinische Beurteilung durchaus vorhanden. Der Frailty-Phänotyp nach Fried zieht z. B. die folgenden fünf körperlichen Leitsymptome heran:

•    Gewichtsverlust
•    Langsamkeit
•    Schwäche
•    Inaktivität
•    Erschöpfung

Liegen drei davon vor, ist von Frailty auszugehen.

Eine weitere Möglichkeit bietet unter anderem der Frailty-Index. Er spiegelt auf Basis von klinischen Symptomen, Laborwerten, Begleiterkrankungen etc. das Ausmaß der individuellen Defizite wider. Zusätzlich zu diesen speziellen Screenings muss ein umfassendes geriatrisches Assessment durchgeführt werden, um mit Frailty zusammenhängende gesundheitliche Probleme zu identifizieren und ggf. behandeln zu können. Der Check muss in gewissen Abständen wiederholt werden, da sich die Gebrechlichkeit und ihr Einfluss auf das Krankheitsgeschehen über die Zeit verändern kann – dank rehabilitativer Maßnahmen unter Umständen auch mit positiver Tendenz.

Bei gebrechlichen Patienten lohnt immer eine kritische Überprüfung der aktuell verordneten Medikamente. Zunächst sollte man versuchen, ein Zuviel an verschiedenen Medikamenten (Polypharmazie) zu reduzieren. Insbesondere müssen Arzneimittel abgesetzt oder ausgetauscht werden, die Frailty verstärken können. Für die Inhalationstherapie sollten nach Möglichkeit niedrig dosierte Substanzen mit geringem Nebenwirkungsprofil gewählt werden, eine regelmäßige Gabe von oralen Steroiden ist zu vermeiden. Bei der Auswahl des Inhalators sollte man die funktionellen Fähigkeiten des Patienten berücksichtigen. Frailty darf nach Ansicht der Experten kein Argument dafür sein, Patienten eine respiratorische Standardtherapie vorzuenthalten.

Einige Medikamente, vor allem solche mit anabolen und anti­inflammatorischen Effekten (z. B. Testosteron, Teriparatid, Piroxicam) sowie das Vitamin-D-Analogon Alfacalcidol konnten in kleineren Studien die körperliche Leistungsfähigkeit, Muskelkraft und Körperzusammensetzung teils verbessern. Optimierungspotenzial gibt es bei gebrechlichen Patienten meist hinsichtlich des Ernährungszustands. Vor allem muss die Proteinzufuhr erhöht werden, um die Muskelmasse zu steigern.

Pulmonale Rehabilitation, auch wenn sie nur von kurzer Dauer ist, kann viele physische Auswirkungen von pneumologischen Erkrankungen abmildern. Entsprechende Bewegungsprogramme verbessern die Belastbarkeit, Muskelkraft, Atemnot und Fatigue – allesamt Schlüsselfaktoren von Frailty. Nach einer englischen Kohortenstudie profitieren gebrechliche Patienten sogar am meisten von pulmonaler Reha. Mehr als 60 % der Teilnehmer erfüllten am Ende der Maßnahme nicht mehr die Kriterien für den Frailty-Phänotyp. Körperliche Gebrechlichkeit ist demnach in Teilen umkehrbar, so die Autoren. Nach akuten Verschlechterungen sollte frühzeitig mit einer Reha begonnen werden, damit nicht zu viel Leistungsfähigkeit verloren geht.

Nicht zu unterschätzen sind auch die positiven Effekte einer pulmonalen Reha auf die Psyche. Teilnehmer mit chronischer Lungenerkrankung und Frailty leiden häufig unter Ängsten und Depressionen. Durch die Reha lassen sich diese Symptome bei ihnen sogar deutlicher reduzieren als bei nicht-gebrechlichen Lungenpatienten.

Quelle: Medical Tribune am 11.11.2023