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05.10.2020

Wieso der TB-Impfstoff auch für andere Infektionen unempfindlicher macht

Gegen Tuberkulose (Tb) Geimpfte erkranken nicht nur seltener an Tuberkulose, sondern auch an anderen Infektionen. Dieser Effekt ist lange bekannt - nicht jedoch, wodurch er verursacht wird.

Ein Impfstoff gegen Tuberkulose (Tb) – der sog. Bacillus-Calmette-Guérin bzw. BCG-Impfstoff – kann offenbar nicht nur vor Tuberkulose schützen, sondern auch vor anderen Infektionen. Dieser Effekt ist lange bekannt - nicht jedoch, wodurch er verursacht wird. Eine internationale Arbeitsgruppe von Wissenschaftler der Universitäten Nijmegen und Bonn hat nun mit Forschern aus Australien und Dänemark eine mögliche Antwort vorgelegt (siehe Cell Host & Microbe, Online-Veröffentlichung am 12.8.2020): Der BCG-Impfstoff zeigte seit seiner ersten medizinischen Verwendung im Jahr 1921 eine unerwartete Begleiterscheinung: „Geimpfte erkrankten nicht nur weitaus seltener an Tuberkulose, sondern auch an anderen Infektionen“, berichten die Forscher. Ein ähnlicher Effekt wurde inzwischen auch bei anderen Impfstoffen beobachtet – fast ausschließlich solchen, deren Basis lebendige Erreger bilden. Weitgehend unbekannt ist laut den Wissenschaftlern, warum dieser sogenannte Trainings-Effekt über Jahre fortbestehen kann.

„Wir haben 15 Freiwillige mit dem BCG-Vakzin geimpft und zum Vergleich 5 weiteren Personen ein Placebo verabreicht. Dann haben wir den Betroffenen 3 Monate später Blut und Knochenmark entnommen“, erklärt Mihai Netea vom Radboud University Medical Center in Nijmegen das Vorgehen der Forscher.

Sie fanden, dass die Immunzellen im Blut von Geimpften deutlich mehr Entzündungsbotenstoffe ausschütten, als die Immunzellen der Kontrollgruppe. Diese Botenstoffe – ZytokineZytokine
Das sind körpereigene Substanzen (Peptide), die vom Immunsystem (von aktivierten T-Zellen u.a.) freigesetzt werden, um die Bildung von Abwehrzellen und Entzündungszellen anzukurbeln. Zytokine tragen auch zur Reparatur von Gewebeschäden bei und wirken als Wachstumsfaktoren auf viele Zellen ein.
 
– verstärken die Schlagkraft der Immunabwehr, beispielsweise rufen sie andere Abwehrzellen zur Hilfe und dirigieren sie an den Ort der Infektion.

Außerdem waren in den Immunzellen von Geimpften andere Gene aktiv als in der Placebo-Gruppe – vor allem solche, die für die Zytokin-Produktion benötigt werden. Die Wissenschaftler ermittelten zudem, dass sich in den blutbildenden (hämatopoetischen) Stammzellen im Knochenmark das genetische Programm veränderte.

„Wir haben festgestellt, dass nach der Impfung bestimmte Erbanlagen leichter zugänglich werden und dadurch von den Zellen öfter abgelesen werden können“, erklärt Andreas Schlitzer vom LIMES-Institut der Universität Bonn. Dazu zählen unter anderem solche, die für eine vermehrte Zytokin-Produktion benötigt werden. „Das erklärt, warum die Vakzinierung langfristig zu einer verstärkten Immunantwort führt“, folgert Netea.

Die Wissenschaftler hoffen, dass ihre Forschung auch in der aktuellen COVID-19-PandemiePandemie
Unter einer Pandemie versteht man eine sich weit verbreitende und dabei ganze Länder oder Kontinente erfassende Krankheit.
Vermischen sich beispielsweise die Erbinformationen von zwei verschiedenen Influenza-Viren in einem Zwischenwirt (z.B. Schwein), tritt ein neuer Virus-Typ mit noch unbekannten Eigenschaften auf. Dieser so genannte Subtyp kann sich schnell ausbreiten, da die Menschen gegen diesen Erreger weder über natürliche noch infolge einer Schutzimpfung aufgebaute Antikörper verfügen. Der jährliche Grippe-Impfschutz erfasst zwar neue Varianten des Influenza-Virus (d.h. leichteVeränderungen in der Oberflächenstruktur), aber keine komplett neuartigen Subtypen. Bricht eine Pandemie aus, muss daher schnell ein Impfstoff gegen den neuen Subtyp entwickelt werden und/oder ein antiviral wirksames Medikament flächendeckend eingesetzt werden.
von Interesse ist – weil sich eine BCG-Impfung möglicherweise positiv auf die Erkrankung auswirken könnte. Das trainierte ImmunsystemImmunsystem
Das körpereigene Abwehrsystem besteht aus drei Funktionskreisen:
(1) Knochenmark als Bildungsort für Immunzellen.
(2) Verschiedene zentrale Immunorgane wie Thymus (Prägung von T-Lymphozyten) und darmnahe Lymphorgane (für die Prägung von B-Lymphozyten).
(3) Sekundäre Lymphorgane wie Milz, Lymphknoten und Mandeln (Tonsillen).
Man unterscheidet die so genannte humorale Abwehr (über die Körperflüssigkeiten mit darin enthaltenen Antikörpern und Faktoren aus dem so genannten Komplementsystem) und die zellvermittelte Abwehr (mit B- und T-Zellen, Makrophagen, Antigen-präsentierenden Zellen, Granulozyten u.a.).
könne zwar die Ansteckung mit dem Virus vermutlich nicht verhindern, aber möglicherweise das Risiko eines schweren Verlaufs reduzieren, so ihre These.

International gingen mehrere groß angelegte Studien dieser Frage nach, darunter zwei am Radboud University Medical Center Nijmegen und eine andere an der Universität Melbourne, die ebenfalls Partner des aktuellen Projekts ist.

Die Forscher weisen aber darauf hin, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO im Augenblick keine Massenimpfungen mit dem BCG-Vakzin empfiehlt, bis die Ergebnisse von Studien vorliegen.

Quelle: © hil/aerzteblatt.de am 4.8.2020