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11.11.2020

Wieso auch Fettleibigkeit einen schweren Verlauf von Covid-19 begünstigt

Bei Fettleibigen kommt es aufgrund der vermehrten Fettablagerung auch in den inneren Organen zu einer eingeschränkten Atmung und damit Minderbelüftung (Hypoventilation), die sich in mehrerer Hinsicht ungünstig auswirkt. Näheres erläutern die Lungenärzte der Deutschen Lungenstiftung.

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Fettleibigkeit (Adipositas) wird definiert durch einen Körpermasseindex (BMI) größer als 30 kg/m², der das Körpergewicht eines Menschen in Bezug zu seiner Körpergröße setzt, und ist mehreren Studien zufolge nachweislich ein Risikofaktor für einen schweren Verlauf von Covid-19 (siehe Obesity 2020, Band 28/7, Seite: 1195-1199 und Diabetes Care 2020, Band 43/10, Seite: e160–e161). Da die Häufigkeit von schweren Verläufen mit dem BMI ansteigt, müssen Adipöse häufiger als Normalgewichtige wegen einer Sars-CoV-2-Infektion auf der Intensivstation behandelt und auch häufiger invasiv beatmet werden.

Eingeschränkte Atmung facht Entzündungsprozesse an, die das Immunsystem schwächen

„Warum Adipositas die Häufigkeit und Schwere einer Covid-Erkrankung erhöht, ist zwar noch nicht vollständig aufgeklärt, folgende Aspekte erscheinen aber zur Erklärung plausibel“, erläutert Prof. Adrian Gillissen, Stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Lungenstiftung und Direktor der Abteilung für Innere Medizin und PneumologiePneumologie
Die Atemwegs- und Lungenheilkunde (Pneumologie) ist ein Teilgebiet der Inneren Medizin, das sich mit der Vorbeugung, Erkennung und fachärztlichen Behandlung von Krankheiten der Lunge, der Bronchien, des Mediastinums (Mittelfell) und der Pleura (Rippen- und Lungenfell) befasst.
von der Ermstalklinik Reutlingen-Bad Urach. „Einerseits haben adipöse Menschen aufgrund ihrer höheren Körpermasse einen gesteigerten Sauerstoffbedarf. Andererseits ist die Dehnbarkeit ihrer Lunge eingeschränkt, da ihr Zwerchfell aufgrund der vermehrten viszeralen Fettablagerung (in den inneren Organen) weniger beweglich ist, was ihr Lungenvolumen vermindert. So kommt es aufgrund der eingeschränkten Atmung (Hypoventilation) vor allem in den basalen Lungenabschnitten zu einer Minderbelüftung, die sich in mehrerer Hinsicht ungünstig auswirkt: Die Sauerstoffsättigung des BlutesSauerstoffsättigung des Blutes
Die Pulsoximetrie ist ein nicht-invasives Verfahren (d.h. für den Patienten schmerzlos, völlig ungefährlich und unblutig), mit dem die Sauerstoffsättigung des arteriellen Blutes (Oximetrie) und die Herzfrequenz (Puls) ermittelt werden, ohne dabei ein Blutgefäß punktieren zu müssen.   
Die Sättigung des Blutes mit Sauerstoff wird durch die Beladung des Hämoglobins mit Sauerstoff wiedergegegebn. Um die Sauerstoffsättigung zu ermitteln, macht man sich zunutze, dass das Hämoglobin in Abhängigkeit von der Beladung mit Sauerstoff das Licht bestimmter Wellenlängen unterschiedlich absorbiert.
Das Pulsoximeter ist ein kleines Gerät in Form eines Clips, der an einen Finger (Finger-Pulsoximeter) des Patienten oder an sein Ohrläppchen geklippt wird. Es rechnet die unterschiedlichen Abschwächungsgrade der Lichtabsorption in einen Wert um, der in Prozent angegeben wird. Zusätzlich kann es den Herzschlag bzw. peripheren Puls messen und die Frequenz über ein Display oder akustisch über einen Piep-Ton ausgeben.
ist verringert, was den bereits erwähnten erhöhten Sauerstoffbedarf noch steigert. Entzündliche Prozesse werden angefacht, so dass sich eine chronisch-schwelende Entzündung entwickelt, die das ImmunsystemImmunsystem
Das körpereigene Abwehrsystem besteht aus drei Funktionskreisen:
(1) Knochenmark als Bildungsort für Immunzellen.
(2) Verschiedene zentrale Immunorgane wie Thymus (Prägung von T-Lymphozyten) und darmnahe Lymphorgane (für die Prägung von B-Lymphozyten).
(3) Sekundäre Lymphorgane wie Milz, Lymphknoten und Mandeln (Tonsillen).
Man unterscheidet die so genannte humorale Abwehr (über die Körperflüssigkeiten mit darin enthaltenen Antikörpern und Faktoren aus dem so genannten Komplementsystem) und die zellvermittelte Abwehr (mit B- und T-Zellen, Makrophagen, Antigen-präsentierenden Zellen, Granulozyten u.a.).
schwächen und die Funktion des Lungengewebes und der Bronchien beeinträchtigen kann.“

Fettgewebe produziert Andockstellen für Coronaviren

Auch die Ernährungsweise hat auf das Entzündungsgeschehen einen Einfluss, z. B. kann ein Zuviel an gesättigten Fettsäuren zu einer vermehrten Bildung von entzündungsfördernden Stoffen (proinflammatorischen Zytokinen) und damit einer gesteigerten Entzündungsreaktion führen. Zu guter Letzt weiß man, dass wichtige Zell-Andockstellen für Coronaviren (die sog. ACE2-Rezeptoren) auch im Fettgewebe produziert werden, was eine Infektion mit SARS-CoV-2-Viren erleichtern würde. Darüber hinaus weisen Adipöse häufig auch zusätzliche Begleiterkrankungen auf, die das Risiko für schwere Covid-Verläufe erhöhen – wie zum Beispiel Diabetes, Herz-Gefäß-Erkrankungen, BluthochdruckBluthochdruck
Laut Hochdruckliga liegt der ideale Blutdruck bei 120/80 mmHg. Bluthochdruck ist eine krankhafte Steigerung des Blutdruckes in den Arterien auf einen systolischen Wert von über 140 mmHg und einen diastolischen Wert von über 90 mmHg. Bluthochdruck ist ein wichtiger Risikofaktor für Gefäßerkrankungen, Nierenschwäche und Herzschwäche.
, COPD oder Nierenerkrankungen. „Starkes Übergewicht sollte also nicht nur im Hinblick auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs u.a. gesundheiliche Auswirkungen vermieden werden, sondern auch zum Schutz vor einer Erkrankung an Covid mit schwerem und u. U. lebensbedrohlichem Verlauf“, rät Prof. Gillissen.