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17.03.2020

Warum das Ausbreitungstempo der Corona-Epidemie so entscheidend ist

Veranstaltungen werden abgesagt, Fußballfans ausgeschlossen und Schulen gesperrt. Zu viel des Guten? Keineswegs, betonen Experten. Beim Kampf gegen das Coronavirus gilt es, den Anstieg der Erkrankungszahlen abzuflachen.

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Um die drastischen Maßnahmen gegen die ungebremste Ausbreitung des Coronavirus zu verstehen, hilft eine alte Legende: Demnach durfte sich der mutmaßliche Erfinder des Schachbrettspiels von seinem Herrscher einen Lohn wünschen. Er ließ die 64 Felder des Schachbretts mit Reiskörnern belegen. Auf das erste Feld sollte ein Korn kommen, dann jeweils doppelt so viele auf das nächste. Das Ergebnis dürfte der Herrscher des Reichs damals unterschätzt haben: Auf dem letzten Feld hätten mehr als 18 Trillionen Reiskörner platziert werden müssen…

Bei der Coronavirus-Epidemie fürchten Experten, dass die Zahl der Infektionen ähnlich rasant steigen könnte. Deshalb sei es wichtig, den Anstieg der Erkrankungszahlen mit Einschränkungen wie dem Verbot von Großveranstaltungen, dem Ausschluss von Fans aus den Fußballstadien und der Schließung von Schulen zu drosseln. Es gehe um das Gewinnen von Zeit, erklärt Bundeskanzlerin Angela Merkel die Strategie.

EpidemienEpidemien
Tritt eine Erkrankung örtlich und zeitlich stark gehäuft auf, spricht man von einer Epidemie. Trifft beispielsweise eine neue Variante des wandelbaren Influenza-Virus auf eine Bevölkerungsgruppe, die noch keine Abwehr gegen diesen bestimmten Erreger aufgebaut hat, kann diese Virus-Variante sich schnell verbreiten. Die Ausbreitung stoppt erst, wenn der Erreger Menschen befällt, die z.B. aufgrund einer Grippe-Schutzimpfung Antikörper dagegen gebildet haben.
Das amerikanische Center for Disease Control spricht von einer Grippe-Epidemie, wenn die Todesrate durch Influenza und Lungenentzündung (die so genannte Übersterblichkeit) um mehr als 7,5% höher liegt als in einem durchschnittlichen Winter.
Eine Epidemie bleibt im Gegensatz zur Pandemie auf eine bestimmte Region begrenzt.
entwickeln sich nicht linear, die Zahl der Fälle wächst also nicht gleichbleibend in einem bestimmten Zeitraum. Vielmehr besteht die Gefahr eines exponentiellen Wachstums, erläutert Julien Riou, Epidemiologe der Universität Bern. Da ein infizierter Mensch mehrere weitere Menschen anstecken kann, die dann wiederum ebenfalls jeweils nochmal mehrere Menschen anstecken können, ist es ein häufiges Muster bei Epidemien, dass die Fallzahlen exponentiell zunehmen, erklärt auch Gérard Krause, der Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung.

Um die Ausbreitung des in China neu aufgetretenen Coronavirus zu beschreiben, benutzen Epidemiologen um Julien Riou an der Universität Bern Computer-Simulationen. Sie haben herausgefunden, dass eine mit dem Virus infizierte Person im Schnitt zwei weitere Personen infiziert (siehe Eurosurveillance , Online-Veröffentlichung am 30.1.2020). Das bedeutet, dass es ohne starke Kontrollmaßnahmen zu einer weltweiten PandemiePandemie
Unter einer Pandemie versteht man eine sich weit verbreitende und dabei ganze Länder oder Kontinente erfassende Krankheit.
Vermischen sich beispielsweise die Erbinformationen von zwei verschiedenen Influenza-Viren in einem Zwischenwirt (z.B. Schwein), tritt ein neuer Virus-Typ mit noch unbekannten Eigenschaften auf. Dieser so genannte Subtyp kann sich schnell ausbreiten, da die Menschen gegen diesen Erreger weder über natürliche noch infolge einer Schutzimpfung aufgebaute Antikörper verfügen. Der jährliche Grippe-Impfschutz erfasst zwar neue Varianten des Influenza-Virus (d.h. leichteVeränderungen in der Oberflächenstruktur), aber keine komplett neuartigen Subtypen. Bricht eine Pandemie aus, muss daher schnell ein Impfstoff gegen den neuen Subtyp entwickelt werden und/oder ein antiviral wirksames Medikament flächendeckend eingesetzt werden.
kommen kann.

Für eine Beispielrechnung nimmt Riou in Bern an, dass ein Coronavirus-Infizierter im Durchschnitt zwei weitere Menschen ansteckt. Bei einem exponentiellen Wachstum würde sich deren Zahl mit jeder Ansteckungsrunde stets verdoppeln. So könnten aus 500 Fällen nach elf Verdopplungen mehr als eine Million Fälle werden. Dieses Tempo soll gebremst werden, indem neue Ansteckungen so gut wie möglich unterbunden werden. Viele Wissenschaftler gehen derzeit beim Coronavirus Sars-CoV-2 davon aus, dass ein Infizierter im Durchschnitt sogar in etwa drei Menschen ansteckt.

Krause rät zu einem Bündel von Maßnahmen - vom häufigen und gründlichen Händewaschen bis zum Veranstaltungsverbot. Es sei aber auch wichtig, diese Maßnahmen bei Bedarf neu anzupassen und dabei auch ihre möglichen unerwünschten Wirkungen im Auge zu behalten. „Wenn Arbeits- oder Transportbeschränkungen zum Beispiel dazu führen könnten, dass essenzielle Medikamente oder wichtige medizinische Operationen nicht mehr verfügbar würden, dann könnten die Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit vielleicht mehr schaden als die direkten Folgen der Epidemie selbst“, warnt er. „Ein mehr an Maßnahmen bedeutet nicht notwendigerweise ein mehr an Nutzen.“

Gerät aber die Zahl der Ansteckungen außer Kontrolle, könnte auch das deutsche Gesundheitssystem ins Wanken geraten. Für die meisten Infizierten verläuft die Krankheit zwar weitgehend harmlos, einige werden sie noch nicht einmal bemerken. Doch etwa 15-20 Prozent erkranken schwerer. Auf die Krankenhäuser könnten daher viele zusätzliche Patienten zukommen.

Dennoch zeigt sich die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) optimistisch: „Wir sind früh dran, wir haben von den anderen Ländern wie Italien gelernt“, meint DKG-Präsident Gerald Gaß. Bislang sei es gelungen, die infizierten Menschen genauer zu erfassen als dies in anderen Ländern der Fall sei. Deshalb seien anders als in Italien auch erst wenige Menschen gestorben. „Wenn man die Gegenmaßnahmen konsequent weiterführt, dann kann es gelingen, den Anstieg der Erkrankungszahlen abzuflachen.“

In deutschen Krankenhäusern stehen nach Angaben des Statistischen Budesamts rund eine halbe Million Betten, etwa jedes vierte ist im Jahresdurchschnitt nicht belegt. „Wenn wir nun davon ausgehen, dass sich jeder zweite Mensch in Deutschland irgendwann mit dem Virus infiziert, ist es wichtig, ihre Zahl so gut wie möglich zu strecken“, betont Gaß. Möglich sei dies auch, indem Kliniken weniger notwendige Operationen auf einen späteren Zeitpunkt verschöben und infizierte Ärzte und Pfleger im Notfall sogar weiterarbeiteten, sofern sie keine Symptome zeigten. „Gelingt das zum Beispiel durch den starken Eingriff der Politik, dann bin ich überzeugt, dass wir gut gerüstet sind“, bekräftigt Gaß.

„Es gibt auch historische Ereignisse, die uns zeigen, dass das Steuern wichtig ist“, erläutert Gaß und erinnert an die Spanische Grippe, die nach dem Ersten Weltkrieg 1918 und 1919 weltweit viele Millionen Menschen das Leben kostete. „In den USA reagierten Städte unterschiedlich bei der Auswahl und dem Zeitpunkt für die Maßnahmen, mit denen sie die Verbreitung der Krankheit eindämmen wollten“, heißt es dazu in einer US-Studie aus dem Jahr 2007 (siehe PNAS, Online-Veröffentlichung am 1.5.2007). Das Ergebnis: Wer schnell und drastisch handelte, verhinderte hohe Todesraten.

Quelle: dpa vom 12.3.2020