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09.12.2021

Viele Medikamente greifen auch die Lunge an

Als Ursache für unklare Lungenschäden sollten nicht nur gängige Medikamente, sondern auch pflanzliche Wirkstoffe iin Betracht gezogen werden.

Pulmonale Arzneimittelnebenwirkungen sind eine Krux. Denn fast jedes Medikament kann Lungenschäden auslösen, und fast jede Lungenkrankheit kann durch eine Nebenwirkung imitiert werden. Aber klopfen Ärzte bei Ihren Patienten im Detail den Medikamentenkonsum ab? Wahrscheinlich nicht. Sollten Sie aber, denn bei allen differenzialdiagnostischen Überlegungen ist auch an Lungenschädigungen durch Arzneimittel zu denken, mahnt Prof. Dr. Jens Schreiber von der Universitätsklinik für PneumologiePneumologie
Die Atemwegs- und Lungenheilkunde (Pneumologie) ist ein Teilgebiet der Inneren Medizin, das sich mit der Vorbeugung, Erkennung und fachärztlichen Behandlung von Krankheiten der Lunge, der Bronchien, des Mediastinums (Mittelfell) und der Pleura (Rippen- und Lungenfell) befasst.
in Magdeburg. Die Relevanz der gezielten Anamnese illustrierte er anhand der folgenden Kasuistik:

Ein gesunder 38-Jähriger bricht sich beide Fersenbeine, die chirurgisch versorgt werden. Postoperativ bekommt er dreimal täglich 600 mg Ibuprofen gegen die Schmerzen. 24 Stunden später hat er ein nicht-kardiogenes Lungenödem mit Atemnot und Husten entwickelt. „Nur weil ein Medikament lange bekannt, frei verkäuflich und billig ist, heißt das nicht, dass es harmlos ist“, betont Prof. Schreiber. Die aus seiner Sicht sehr empfehlenswerte ständig aktualisierte Datenbank pneumotox.com, die mehr als 1000 Wirkstoffe und therapeutische Prozeduren aufführt, welche die Lunge schädigen können, listet allein für nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) fast ein Dutzend relevante Nebenwirkungen auf, die vom banalen Schluckauf über schwere, potenziell tödlich verlaufende Asthmaattacken bis zum anaphylaktischen Schock oder Hautschwellungen aufgrund Wassereinlagerung (Angioödem) reichen.

Die von französischen Kollegen geführte, ständig aktualisierte Datenbank www.pneumotox.com führt mehr als 1000 Wirkstoffe und therapeutische Prozeduren auf, welche die Lunge schädigen können. Darunter sind natürlich viele Krebsmedikamente bzw. -therapien, z.B. Zytostatika und Immuntherapeutika, aber auch Strahlentherapien und natürlich viele andere Arzneimittel(-gruppen). Die Datenbank lässt sich nach Wirkstoffen sowie nach Schädigungsmustern sortieren. Außerdem gibt es eine Rubrik namens Diagnosing DIRD (Drug-induced Respiratory Disease), in der die einzelnen Diagnoseschritte übersichtlich erläutert sind.

Auch das breit eingesetzte Hydrochlorothiazid (HCT) hat seine Tücken: Wer denkt schon bei einem Patienten mit Lungenfibrose daran, dass das im Antihypertensivum enthaltene HCT der Auslöser sein könnte? „Ich bin überzeugt, dass es da eine hohe Dunkelziffer gibt“, meinte Prof. Schreiber. Auf der 87 Medikamente und Prozeduren umfassenden Pneumotox-Liste zur Lungenfibrose stehen übrigens auch andere unvermutete Verdächtige wie StatineStatine
Medikamente, die zu einer Senkung erhöhter Blutfettwerte führen, indem sie den Fettstoffwechsel oder die Fettaufnahme beeinflussen.
, Betablocker und verschiedene Psychopharmaka.

Natürlich sind auch Phytopharmaka nicht so harmlos wie Patienten gerne glauben möchten. Ende der 1990er-Jahre machten per Internet erhältliche Abspeckmittel von sich reden, die asiatische „Heilpflanzen“ enthielten. Eine ganze Reihe von Anwenderinnen bezahlten den Konsum mit einer Bronchiolitis obliterans, teilweise sogar mit dem Tod.

Ein vergleichsweise häufiges Phänomen, vor allem bei jungen Menschen, ist die arzneiinduzierte akute eosinophile Pneumonie (AEP). Einer von fünf Betroffenen erkrankt so schwer, dass er mechanische Beatmung benötigt. Wichtig zu wissen: Normale Eosinophilen-Zahlen im Blutbild schließen eine EAP nicht aus, im Gegenteil. Acht von zehn Patienten mit EAP zeigen keine erhöhten Werte an den Entzündungszellen (Vermehrung der eosinophilen Granulozyten = Bluteosinophilie) trotz massiver Infiltration des Lungengewebes. Das heißt, bei diesen unklaren pulmonalen Krankheitsbildern müssen die Patienten bronchoskopiert und lavagiert werden. Eine Sonderform ist das PIE-Syndrom (pulmonale Infiltrate plus Eosinophilie), das unter Sartanen auftreten kann. Auch hier verschwinden Infiltrate und Bluteosinophilie, wenn der Patient den AT1-Blocker absetzt.

Ein und dasselbe Medikament kann je nach individueller Prädisposition sehr heterogene Reaktionsmuster hervorrufen. Das Spektrum reicht quer durch die gesamte Pneumologie: vom harmlosen Husten, der nicht nur die ACE-Hemmer-Therapie begleitet, sondern mindestens drei Dutzend weitere Wirkstoffe, bis hin zu schweren Komplikationen mit Entzündungen, Fibrosen und starke Blutungen.

Selbst Rippenfellentzündungen und Pleuraergüsse können medikamentös verursacht sein. Hochakute Verläufe kommen vor, die den Patienten binnen Stunden auf die Intensivstation bringen.

Nicht alles ist nach Absetzen reversibel, aber je früher es erfolgt, desto eher stoppen die pathologischen Prozesse. Aber nicht zwingend sofort: „Eine medikamentös induzierte Lungenfibrose schreitet auch fort, nachdem Sie das Medikament abgesetzt haben“, warnt Prof. Schreiber. Das unterstreicht die Bedeutung von Wachsamkeit und Früherkennung.

Die Hypersensitivitäts-Pneumonitis ist die bekannteste pulmonale Nebenwirkung der Immuncheckpoint-Inhibitoren, aber beileibe nicht die einzige. Es gibt vielfältige Bilder von rasch einsetzenden, fortschreitend verlaufenden diffusen Schädigungen der Lungenbläschen (Alveolarschäden) bis zur interstitiellen Lungenentzündung mit eher langwierigem Verlauf. „Extreme Praxisrelevanz“ bescheinigt Prof. Schreiber granulomatösen Entzündungen in Lunge und Lymphknoten, die im PET-CT aufleuchten und sich oft kaum gegen einen Tumorprogress abgrenzen lassen. „Wir hatten zwei Patienten, bei denen sich Radiologen und Nuklearmediziner absolut sicher waren“, berichtet der Pneumologe. „Aber man tut dem Patienten unrecht, wenn man die Therapie absetzt, weil man glaubt, der Tumor sei fortschreitend.“ Da hilft nur, den Befund bioptisch zu sichern.

Häufigste Fehldiagnose bei unklaren Lungenbefunden, die letztlich auf eine Medikamentenexposition zurückzuführen sind, ist nach Erfahrung des Kollegen die akute Infektion: Eine junge Patientin nahm Ibuprofen wegen eines Atemwegsinfekts. Sie entwickelte eine akute eosinophile Pneumonie mit Herzbeutel-Beteiligung und musste schließlich auf der Intensivstation an die ECMO angeschlossen werden. Zuvor hatte man sie wegen einer vermeintlichen bakteriellen Lungenentzündung antibiotisch behandelt.

Quelle: Medical Tribune vom 6.8.21