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26.03.2012

Tuberkulose auch hierzulande in Ballungsräumen wieder häufiger

Im Jahr 2010 hat das Robert Koch-Institut (RKI) in Deutschland 4.330 Tuberkulosefälle registriert, 136 Patienten sind an einer Tuberkulose gestorben. Das ist kaum weniger als im Jahr 2009 (4.419 Fälle, davon 164 Todesfälle). „Wir sollten uns nicht zu früh zurücklehnen“,
resumiert Walter Haas vom RKI in einem Interview anlässlich des Welt-Tuberkulose-Tags am 24. März.

Vor 130 Jahren entdeckte und beschrieb der Berliner Mediziner Robert Koch den Erreger der Tuberkulose - Mycobacterium tuberculosis - und machte damit klar: Die Tuberkulose die in Europa jahrhundertelang Todesopfer forderte, ist eine Infektionskrankheit. Bis heute ist sie einer der großen Killer der Menschheit. Vor allem in Asien und im südlichen Afrika wütet der Erreger, aber auch in Osteuropa. In Deutschland, wo 2009 noch 4444 Erkrankungsfälle gemeldet wurden, warnen Experten davor, sich entspannt zurückzulehnen. Anlässlich des Welt-Tuberkulose-Tags am 24. März wurde Walter Haas vom Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin von der Deutschen Presse Agentur (dpa) interviewt.

In Deutschland sinkt die Zahl der Tuberkulosekranken. Wieso ist die Erkrankung weiter ein Problem?
Haas: „In den vergangenen Jahren verzeichneten wir in Deutschland einen Rückgang der Neuerkrankungen von sechs bis acht Prozent im Jahr. Aber wir sehen auch, dass der Rückgang sich deutlich verlangsamt. Das heißt, der Erfolg der Bemühungen lässt nach. Bei den Kindern haben wir nun im dritten Jahr in Folge sogar einen leichten Zuwachs. Die absoluten Zahlen sind zwar niedrig - 2010 waren es 158 - aber es zeigt sich ein deutlicher Trend.“

Warum bereitet diese Entwicklung Sorgen?
Haas: „Kinder sind wichtige Indikatoren für die künftige Entwicklung der Tuberkulose. Während 90 Prozent der Erwachsenen, die sich mit dem Erreger angesteckt haben, niemals erkranken, entwickeln bis zu 40 Prozent der angesteckten Kinder eine Tuberkulose. Insbesondere für Kleinkinder ist das Erkrankungsrisiko hoch. Und: Kinder erkranken früher, meist binnen eines Jahres nach Ansteckung. Bei Erwachsenen kann das Jahrzehnte dauern. Wenn wir uns also zurücklehnen, könnte es eine Entwicklung wie in England geben, wo die Tuberkulose-Zahlen zuletzt deutlich anstiegen. Wir müssen also im Gegenteil die Anstrengungen verstärken, um den erreichten Stand in Deutschland zu halten.“

Wie steht es um die Diagnose?
Haas: „Weil nicht jeder Hausarzt regelmäßig Patienten mit Tuberkulose betreut, fehlt oft die Erfahrung, um die Erkrankung rasch zu erkennen. Erwachsene stellen sich meist erst vor, wenn sie bereits über längere Zeit Beschwerden haben. Die Symptome sind aber oft so diffus, dass nicht jeder Arzt an Tuberkulose denkt. Die Diagnose kann über eine Röntgenuntersuchung und den Nachweis des Erregers im abgehusteten Schleim - bei Kindern unter zehn Jahren im Magensaft - heute meist rasch gestellt werden.“

Und die Therapie?
Haas: „Die Therapiequalität ist in Deutschland auch ein Thema. Studien haben gezeigt, dass zu viele Ärzte vom empfohlenen Medikamentenregime (siehe auch www.pneumologie.de/dzk/empfehlungen.html) abweichen. Eine Kombination von mindestens vier verschiedenen Antibiotika muss regelmäßig und lange genug, in der Regel sechs Monate oder länger, genommen werden. Vielen Patienten geht es nach wenigen Wochen aber so viel besser, dass sie einzelne Medikamente möglicherweise einfach absetzen. Es gibt bei der konsequenten Therapiedurchführung auch immer mehr Probleme durch Co-Erkrankungen, Alkohol- oder andere Suchtkrankheiten oder schwierige soziale Verhältnisse.“

Warum ist eine Therapie ohne Stopps und Fehler so wichtig?
Haas: „Sonst bilden sich ResistenzenResistenzen
Bakterien können eine Resistenz gegen bestimmte Arzneistoffe entwickeln - das heißt, sie werden unempfindlich gegenüber diesen Medikamente. Die Medikamente, vor allem Antibiotika, sind nicht mehr gegen diese Bakterien wirksam.
Resistente Erreger entwickeln sich - insbesondere bei großen Erregermengen - entweder durch spontane Genveränderungen (Mutationen) oder durch selektive Vermehrung (Selektion) von natürlich vorkommenden resistenten Bakterien-Subpopulationen, z.B. aufgrund einer unzureichenden oder zu früh abgebrochenen Therapie.
, die den Erreger gegen die Medikamente unempfindlich machen. Schon jetzt gibt es in rund 13 Prozent der Fälle Resistenzen gegen mindestens ein Antibiotikum, das dann nicht mehr wirkt. Knapp zwei Prozent der Erreger sind bereits multiresistent, sind unempfindlich gegen die zwei wichtigsten Tuberkulosemedikamente.“

Quelle: dpa