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18.11.2021

Sport im Freien bei hoher Feinstaubbelastung nicht ratsam

In Gegenden mit hohen Feinstaubbelastungen schützt intensiver Sport nicht vor Herzerkrankungen und Schlaganfällen – im Gegenteil. Zu diesem Ergebnis kommen Forschende von der Universität Seoul und schlussfolgern: Training in schmutziger Luft hat infolge von oxidativem Stress in Blutgefäßen und Gehirn für die Gesundheit mehr Nach- als Vorteile.

Körperliche Aktivität ist nur bei sauberer Luft gesundheitsförderlich. Bei hohen Feinstaubbelastungen hingegen fördert sie koronare Komplikationen und SchlaganfälleSchlaganfälle
Schlaganfälle ereignen sich gehäuft während des Blutdrucktiefs gegen 3 Uhr nachts (midnight stroke) oder während des zweiten Blutdrucktiefs am Nachmittag. Die Krankheitsanzeichen setzen meist plötzlich ein und hängen vom Ort des Infarktes ab. Erste Anzeichen können heftige Kopfschmerzen, ausgeprägte Bewusstseinstrübung bis hin zu Bewusstlosigkeit sein. Es entwickelt sich eine meist im Arm- und Gesichtsbereich betonte einseitige Lähmung. Zunächst ist die gelähmte Seite erschlafft (im Gesicht z.B. als hängender Mundwinkel und Aufblähung der Wange auf der gelähmten Seite beim Ausatmen = "Tabakblasen"), später können auch unkontrollierte Zuckungen hinzu kommen. Eine Hirndurchblutungsstörung ist entweder Folge eines thrombotischen oder embolischen Gefäßverschlusses (ischämischer Hirninfarkt) oder eines spontanen Gefäßrisses mit nachfolgender Einblutung (hämorraghischer Hirninfarkt).
Ischämischer Schlaganfall: Hirninfarkt, der durch eine Blutstauung aufgrund verstopfter Gefäße verursacht wird und deshalb zu einer Unterversorgung der Hirnzellen mit Sauerstoff führt. Ein ischämischer Hirninfarkt auf Grund von Minderdurchblutung eines Endarterienareals bei plötzlichem Gefäßverschluss der Arterie ist mit 80-85% die häufigste Ursache eines Schlaganfalls. 
Hämorraghischer Schlaganfall: Verkalkte Blutgefäße im Gehirn brechen auf, was zu Gehirnblutungen führt. Dabei wird die Blutzufuhr und damit Sauerstoffversorgung der betroffenen Gehirnzellen unterbrochen bzw. abgebrochen und sie sterben ab.
 
 
, wie eine Gruppe um Seong Rae Kim von der Universität Seoul berichtet (siehe European Heart Journal, online am 1.4.2021).

Die Wissenschaftler werteten die Daten von mehr als 1,4 Millionen kardiovaskulär gesunden Erwachsenen im Alter zwischen 20 und 39 Jahren aus, die zwischen 2009 und 2012 an zwei Erhebungen zur Gesundheit teilgenommen hatten. Die körperliche Aktivität der Befragten bildeten sie in sog. MET-Minuten pro Woche (Minuten mit metabolischen Äquivalenten pro Woche) ab. Zusätzlich ermittelten sie den Grad der Luftverschmutzung am Wohnort der Probanden, wofür sie auf die Daten des südkoreanischen Luftqualität-Monitoringsystems zurückgriffen.

In Gegenden mit geringer bis mäßiger Luftverschmutzung zeigte sich: Im Vergleich zu denjenigen, die dauerhaft sehr intensiv Sport trieben (? 1000 MET-Minuten pro Woche), nahm bei Personen, die ihr Sportpensum reduzierten oder gar keinen Sport mehr trieben, das kardiovaskuläre Risiko zu. In Gegenden mit hohen Feinstaubbelastungen schützte intensiver Sport nicht vor Herzerkrankungen und Schlaganfällen – im Gegenteil: Wer dort regelmäßig intensiv an der vermeintlich frischen Luft trainierte, erkrankte überproportional häufig an Herz und Kreislauf (siehe European Heart Journal, online am 1.7.2021).

Verdreckte Luft stellt einen der bedeutsamsten Risikofaktoren für Gesundheitsschäden dar, konstatiert Prof. Dr. Thomas Münzel vom Universitätsklinikum Mainz und verweist auf Schätzungen, denen zufolge die Luftverschmutzung weltweit neun Millionen vorzeitige Todesfälle pro Jahr verursacht. Laufsport in Gegenden mit sauberer Luft wirkt kardioprotektiv, bei hohen Feinstaubwerten bewirkt er aber offenbar das Gegenteil, fasst er die Ergebnisse der südkoreanischen Studie zusammen und erläutert die Mechanismen hinter den Gesundheitsschäden: Die winzigen Partikel und reaktiven Gase aktivieren Immunzellen, erhöhen den oxidativen Stress im Gefäßsystem und im Gehirn und begünstigen eine endothele Dysfunktion. Ähnlich wie Diabetes und BluthochdruckBluthochdruck
Laut Hochdruckliga liegt der ideale Blutdruck bei 120/80 mmHg. Bluthochdruck ist eine krankhafte Steigerung des Blutdruckes in den Arterien auf einen systolischen Wert von über 140 mmHg und einen diastolischen Wert von über 90 mmHg. Bluthochdruck ist ein wichtiger Risikofaktor für Gefäßerkrankungen, Nierenschwäche und Herzschwäche.
fördert der FeinstaubFeinstaub
Feinstaub gilt als giftig und kostet nach Schätzungen der EU-Kommission jährlich zahlreichen  Europäern das Leben. Mit einer Größe von weniger als 10 µm können Feinstäube in der Luft schweben (sog. Schwebstäube) und vom Menschen eingeatmet werden, so dass die Feinstaubteilchen in die Lunge gelangen und über die Lungenbläschen (Alveolen) in den Körper übergehen können. So stoßen sie u.a. bis in die Leber vor.
 
 
Arterienverkalkung (Atherosklerose) und kardiometabolische Erkrankungen. Zudem scheint er das sympathische Nervensystem zu aktivieren und die Freisetzung von Stresshormonen zu triggern.

Insbesondere Menschen in Großstädten sollten bei sportlicher Aktivität im Freien die Luftqualität nicht außer Acht lassen, empfiehlt der Kardiologe. Dank der Technik sei es mittlerweile möglich, die Schadstoffexposition anhand von Sensor-, Satelliten- und GPS-Daten darzustellen und individuell abzuschätzen, ob Sport ohne negative Gesundheitsfolgen möglich ist.

Quelle: Medical Tribune am 22.7.2021