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24.03.2010

Schwerpunkte des diesjährigen Lungenkongresses

Einen Überblick über die wichtigsten Themen auf dem 51. Kongress der Deutschen Gesellschaft für PneumologiePneumologie
Die Atemwegs- und Lungenheilkunde (Pneumologie) ist ein Teilgebiet der Inneren Medizin, das sich mit der Vorbeugung, Erkennung und fachärztlichen Behandlung von Krankheiten der Lunge, der Bronchien, des Mediastinums (Mittelfell) und der Pleura (Rippen- und Lungenfell) befasst.
und Beatmungsmedizin (DGP) in Hannover gaben die zwei DGP-Tagungspräsidenten vorab in einer Pressekonferenz.

Lungen- und Bronchialerkrankungen sind generell auf dem Vormarsch. Die WHO listet mittlerweile die folgenden vier pneumologischen Erkrankungen unter den zehn häufigsten Erkrankungen weltweit: obstruktive Atemwegserkrankungen (Asthma und COPD), Lungenentzündung (Pneumonie), Tuberkulose und Bronchialkarzinom. Neue Entwicklungen im Bereich der gesamten Pneumologie werden alljährlich auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) dargestellt, der dieses Jahr in Hannover und zum 51. Mal stattfand. Die beiden Tagungspräsidenten, Prof. Bernd Schönhofer vom Klinikum Oststadt-heidehaus und Prof. Tobias Welte von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), haben die wesentlichen neuen Erkenntnisse wie folgt schlagwortartig zusammengestellt:

Asthma und chronisch obstruktive Bronchitis (COPD)

Im Bereich des Asthmas gelingt es zunehmend besser pathophysiologisch und klinisch
unterschiedliche Erkrankungsgruppen (so genannte Phänotypen) zu unterscheiden. Damit gelingt eine zielgenauere, auf den individuellen Patienten zugeschnittene Behandlung. Im Bereich der COPD werden eine Reihe neuer Ergebnisse zu gerade eingeführten Medikamenten (Bronchien erweiternd wirkendes Indacaterol) oder kurz vor der Einführung stehenden Medikamenten (entündungshemmend wirkendes Roflumilast) präsentiert. Daneben zeigt sich, dass nicht-pneumologische Erkrankungen - wie koronare Herzkrankheitkoronare Herzkrankheit
Oberbegriff für alle Erscheinungsformen der im Rahmen einer Arteriosklerose am Herzen auftretenden Störungen (zum Beispiel Angina pectoris, Myokardinfarkt, disseminierte Herzmuskelnekrosen, Sekundenherztod), die zu Abweichungen der Herztätigkeit führen.
, Depression oder Diabetes mellitus – übermäßig häufig mit COPD assoziiert sind. Die Zusammenhänge zwischen diesen Erkrankungen und wissenschaftliche Ansätze zur Erforschung dieser Assoziation werden vorgestellt.

Beatmungsmedizin und Weaning

Die wachsende Bedeutung der Beatmungsmedizin wird durch die Versorgungsrealität unterstrichen: In den vergangenen 15-20 Jahren haben sich immer mehr pneumologische Kliniken und Abteilungen auf die schwierige Entwöhnung vom Respirator (Weaning) spezialisiert. Unter der Schirmherrschaft der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) wurde die Arbeitsgruppe (AG) Kompetenznetzwerk pneumologischer Weaningzentren gegründet mit dem Ziel, das bundesweit arbeitende Netzwerk WeanNet zu realisieren. Wesentliche Ziele von WeanNet sind zum einen eine Verbesserung der Zusammenarbeit der spezialisierten Weaningzentren und zum anderen die Qualitätssicherung. Wichtige Instrumente innerhalb von WeanNet sind das Weaning-Register und die Akkreditierung der Zentren.

Techniken zum vorübergehenden (passageren) Ersatz der Lungenfunktion wurden in den letzten Jahren kontinuierlich weiterentwickelt. Mit der extrakorporalen CO2-Elimination und der extrakorporalen Membranoxigenierung (ECMOECMO
Die Abkürzung ECMO steht für "Extrakorporale Membranoxygenierung" - einem Verfahren, bei dem die Aufgaben der Lunge außerhalb des Körpers von einer Maschine übernommen werden.
 
) steht jetzt – zumindest für Zeiträume von einigen Wochen - ein Organersatzsystem zur Verfügung (das der Dialyse beim Nierenkranken entspricht).

Infektionskrankheiten

Sowohl die klinische als auch die Grundlagenforschung zu Pathogen- bzw. Wirtsinteraktionen hat sich in Deutschland hervorragend entwickelt dank des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützten Kompetenznetzwerkes Ambulant Erworbene Pneumonie (CAPNETZ). Auf der Basis epidemiologischer Daten aus CAPNETZ wurde eine neue, speziell auf die deutsche Situation zugeschnittene S3 Leitlinie „Epidemiologie, Diagnostik, antimikrobielle Therapie und Management von erwachsenen Patienten mit ambulant erworbenen unteren Atemwegsinfektionen sowie ambulant erworbener Pneumonie“ erstellt. Aufgrund der günstigen Resistenzsituation ist in Deutschland – vor allem im ambulanten Bereich – eine Therapie mit altbekannten Substanzen möglich. Wesentliche Innovation der neuen Leitlinie ist eine Verkürzung der Therapiedauer auf 5-7 Tage für unkomplizierte Infektionen.

Der wichtigste Erreger von Atemwegsinfektionen ist nach wie vor S. pneumoniae. Neue, besser wirksame Impfstoffe führen zu einem Rückgang an Infektionen mit diesem Erreger und reduzieren zusätzlich die ResistenzentwicklungResistenzentwicklung
Bakterien können eine Resistenz gegen bestimmte Arzneistoffe entwickeln - das heißt, sie werden unempfindlich gegenüber diesen Medikamente. Die Medikamente, vor allem Antibiotika, sind nicht mehr gegen diese Bakterien wirksam.
Resistente Erreger entwickeln sich - insbesondere bei großen Erregermengen - entweder durch spontane Genveränderungen (Mutationen) oder durch selektive Vermehrung (Selektion) von natürlich vorkommenden resistenten Bakterien-Subpopulationen, z.B. aufgrund einer unzureichenden oder zu früh abgebrochenen Therapie.
.

Vor 100 Jahren wurde das Zentralkommitee zur Bekämpfung der Tuberkulose in Deutschland
gegründet. Nachdem es in den letzten Jahrzehnten so aussah, als würde die Tuberkulose in
Deutschland mehr und mehr aussterben, kommt es jetzt im Zuge einer explodierenden Steigerung an Erkrankungen in unseren osteuropäischen Nachbarländern aber wieder zu einem Anstieg der Tuberkulosefälle in Deutschland. Beunruhigend ist dabei vor allem die Zunahme der Resistenzen gegen klassische Tuberkulosemedikamente.

Bronchialkarzinom

In Deutschland erkranken rund 40.000 Menschen jährlich an LungenkrebsLungenkrebs
Das ist der im Brustkorb gelegene Raum zwischen den beiden Lungenflügeln, in dem die Brusteingeweide untergebracht sind - also das Herz, zugehörige Nerven, Gefäße und Lymphknoten. Die Pleuren (Rippen- und Lungenfell), welche die beiden Brustfellhöhlen mit den Lungenflügeln auskleiden, bilden eine Trennwand zwischen Mediastinum und Lunge. Nach vorne und hinten wird dieser Raum vom Brustbein und der Brustwirbelsäule begrenzt, von oben und unten erstreckt er sich etwa ab Höhe des Schlüsselbeins bis hinunter zum Zwerchfell. 
. Lungenkrebs ist bei Männern die häufigste und bei Frauen die zweithäufigste zum Tode führende Erkrankung.
Trotz der Fortschritte in Diagnostik und Therapie liegt die 5-Jahres-Überlebensrate bei 5,5-15,7%. Im Februar 2010 ist nach einem mehrjährigen Prozess der Konsensusfindung aller beteiligten Disziplinen eine neue S3-Leitlinie zur Prävention, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Lungenkarzinoms veröffentlicht worden.

Eine weitere Verbesserung in der Versorgung der Patienten mit Lungenkrebs ist die Zertifizierung der spezialisierten Abteilungen zum Lungenkrebszentrum. Angestrebt wird dabei, dass alle beteiligten Spezialisten auf dem Gebiet der Diagnostik und der Therapie eng zusammen arbeiten, um den Patienten eine optimale Betreuung zukommen zu lassen.

Endoskopie

In den letzten Jahren wurden infolge der schnellen Entwicklung der Mikrotechnologie immer bessere endoskopische Geräte zur pneumologischen Diagnostik und Therapie entwickelt. Vor allem in der Diagnostik von Tumoren kann heute in vielen Fällen eine operative Abklärung vermieden werden. Aber auch die therapeutischen Möglichkeiten sind deutlich größer geworden, vor allem die bronchoskopische Volumenreduktion der Lunge bei schwerer COPD mit Hilfe von Ventilen (siehe www.lungenaerzte-im-netz.de/lin/linaktuell/show.php3) stellt eine interessante Zukunftsoption dar.

Schlafmedizin

Patienten mit Schlafstörungen machen bis zu 15% der Patienten in der Allgemeinarztpraxis aus. Auch zur Schlafmedizin sind aktuell Leitlinien mit Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie erschienen. Neben den schlafbezogenen Atmungsstörungen (Hauptvertreter Schlafapnoe) sind in der Pneumologie noch weitere Schlafstörungen wichtig, da sie relativ häufig in Reinform oder in Kombination mit schlafbezogenen Atmungsstörungen in den Schlaflaboren vorkommen. Seit kurzem kooperieren Pneumologen und Kardiologen auf dem Gebiet der Schlafmedizin, da Patienten mit Herzschwäche häufig eine periodische Atmung im Schlaf aufweisen, die mit Maskenbeatmung effektiv behandelt werden kann.

Lungentransplantation

Die MHH ist das größte Lungentransplantationszentrum Europas mit mehr als 100
Lungenverpflanzungen pro Jahr. Die Prognose der Patienten hat sich dank der folgenden Entwicklungen weiter gebessert: Verbesserung der chirurgischen Techniken, bessere Konservierungsmöglichkeiten für die Spenderorgane, intensivere zentrumsgestützte Nachversorgung der Patienten und bessere Therapiemöglichkeiten bei den wichtigsten Komplikationen.

Ethische Betrachtungen am Lebensende

Mit dem Älterwerden der Gesellschaft steigt auch die Zahl der hochbetagten Patienten, die eine lebensbedrohliche Atmungsschwäche entwickeln. Nicht selten kommen in dieser Situation die Intensivmedizin und insbesondere die maschinelle Beatmung zum Einsatz. Hier stellt sich die Pneumologie zunehmend ethischen Fragestellungen und verbindet Intensivmedizin mit PalliativmedizinPalliativmedizin
Ziel der Palliativmedizin ist es, die Lebensqualität unheilbar kranker Menschen bis zuletzt zu erhalten. Dazu gehört die Bekämpfung von Schmerzen und anderer Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, Atemnot oder Verwirrtheit. Auch psychische, soziale und spirituelle Anliegen rücken verstärkt in den Vordergrund. Die Bezeichnung „Palliativmedizin“ leitet sich vom lateinischen Wort „pallium“ (Mantel oder Umhang) ab und steht für Linderung, Schutz und Wärme. 
 
. Auch eine AG Palliativmedizin hat die DGP in jüngerer Vergangenheit gegründet.

Während in der so genannten kurativen Medizin Heilung, Lebensverlängerung und Rehabilitation als Therapieziele im Vordergrund stehen, sind die Prinzipien der Palliativmedizin die Vermeidung bzw. Linderung von Leiden und der Erhalt bzw. die Verbesserung der Lebensqualität. Wichtiges Prinzip der Deeskalation ist z.B. die Therapiezieländerung, was häufig Therapieabbruch und Therapieverzicht bedeutet, ohne dass der sterbende Patient Luftnot erleiden darf, was sich z.B. durch Morphintherapie erzielen lässt.