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18.10.2021

Schlechte Belüftung in Innenräumen erhöht das Corona-Infektionsrisiko

Häufiges Lüften kann die Coronavirus-Konzentration in der Luft senken. Eine schlechte Belüftung in Innenräumen, in denen viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen, fördert hingegen die Übertragung von SARS-CoV-2. Außerdem sind Raucher etwa doppelt so häufig von schweren CovidCovid
siehe "Was ist Covid?"
-Verläufen betroffen.

Eine schlechte Belüftung fördert die Übertragung von SARS-CoV-2 in Innenräu­men, in denen viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse des vermutlich ersten Super-Spreader-Ereignisses in Deutschland (siehe medRxiv 2021; DOI: 10.1101/2021.09.01.21262540). Eine experimentelle Studie bestätigt, dass häufiges Lüften die Viruskonzentration in der Luft senken kann (siehe Research Square 2021; DOI: 10.21203/rs.3.rs-861942/v1).

Im Februar des vergangenen Jahres hatten rund 450 Menschen der Gemeinde Gangelt im nordrhein-westfälischen Kreis Heinsberg unbekümmert ihre jährliche Karnevalssitzung gefeiert. Niemand ahnte, dass sich unter den Feiernden mindestens eine Person befand, die mit SARS-CoV-2 infiziert war und das Coronavirus vermutlich in größerer Menge in den 320 Quadratmeter kleinen Saal verteilte, wo die Gäste eng gedrängt an 43 Tischen (1,4 Personen/?) saßen.

An einer Stirnseite des Raums befand sich die Bühne, an der anderen eine Bar. Es wurde viel Alkohol ausgeschenkt und vermutlich ausgiebig geschunkelt. Die fünfstündige Sitzung wurde nur einmal durch eine Pause unterbrochen.

Für „frische“ Luft sorgte eine Klimaanlage, die allerdings nur 25 % der Luft durch Außenluft ersetzte. Die restlichen 75 % wurden bei jedem Durchgang wieder in den Saal geleitet. Die Filter der Lüftung waren technisch nicht in der Lage, Viren abzuhalten. Aus Lärmschutzgründen waren die Fenster geschlossen geblieben.

In den Wochen nach der Sitzung stieg die Inzidenz in Gangelt an. Der Kreis Heinsberg wurde zu einem der ersten Hotspots in Deutschland. Ein Team um Hendrik Streeck von der Universität Bonn hat alle Teilnehmer 51 Tage nach der Feier zu einer Untersuchung eingeladen, an der 411 (91,3 %) teilnahmen.

Von den 404 Personen, bei denen Blutproben entnommen wurden, hatten 186 IgG-AntikörperAntikörper
Antikörper werden auch Immunglobuline (Ig) genannt und sind Eiweißstoffe (Glykoproteine), die der menschliche Körper nach Kontakt mit einem Fremdstoff (Antigen) bildet. Diese Antikörper können dann gezielt (in der sogenannten Antigen-Antikörper-Reaktion) an die Antigene binden. Die so entstehenden Immunkomplexe werden dann unschädlich gemacht. Erhöhte Ig-Mengen weisen allgemein auf eine gesteigerte Immunabwehr hin, wie sie bei akuten oder chronischen Infektionskrankheiten (allergischen und parasitären Krankheiten) häufig auftritt. Man unterteilt die Immunglobuline in vier verschiedene Klassen (Ig A, Ig E, Ig G und Ig M). Je nachdem welcher Typ vermehrt vorliegt, erlaubt dies Rückschlüsse auf die vorliegende Krankheit.
im Blut. Damit hatte sich fast die Hälfte auf der Karnevalsveranstaltung (oder auch in den Tagen danach) mit SARS-CoV-2 infiziert.

Die Bonner Virologen haben das Superspreaderereignis, über das in den Monaten danach ausführlich in den Medien berichtet wurde, jetzt noch einmal genauer unter die Lupe genommen, um zu ermitteln, welche Faktoren das Infektionsrisiko der einzelnen Personen gefördert haben könnte.

Das Geschlecht hatte keinen Einfluss auf das Infektionsrisiko. Ein höheres Körpergewicht könnte das Infektionsrisiko dagegen gefördert haben: Der Body-Mass-Index der Infizierten lag im Durchschnitt bei 26,2 kg/? gegenüber 24,3 kg/? bei nicht infizierten Personen. Eine Begleiterkrankung, die nachweislich das Risiko einer schweren Covid-19-Erkrankung erhöht, hatte dagegen keinen Einfluss auf das Infektionsrisiko mit CoronaCorona
.

Für das Alter war ein Einfluss nachweisbar: Kinder erkranken seltener als ältere Erwachsene. Ein protektiver Trend war auch für jüngere Erwachsene (18-25 Jahre) sowie für Erwachsene zwischen 25 und 40 Jahren nachweisbar. Senioren ab 65 Jahren infizierten sich demgegenüber tendenziell häufiger.

Die räumliche Analyse ergab, dass die meisten Infektionen an den Tischen in der Nähe der Bar aufgetreten waren sowie auf der Bühne. Auf der Bühne infizierten sich 18 von 24 Personen. Bezüglich der Raumlüftung ließ sich ein erhöhtes Risiko an den Stellen nachweisen, in denen die Luft in den Saal gepustet wurde. Ein leicht erhöhtes Risiko an den Ansaugstellen konnte auf andere Faktoren zurückgeführt werden.

Ein vermindertes Risiko war dagegen für Personen nachweisbar, die die Pause genutzt hatten, um sich an die frische Luft zu begeben. „Raucher gehen zum Rauchen schlicht und ergreifend öfter vor die Tür ins Freie und verringern dadurch die Expositionshäufigkeit“, meint Streeck. Insofern hatten auch Raucher ein niedrigeres Risiko, das allerdings teilweise, aber nicht vollständig auf die „Raucherpausen“ im Freien zurückzuführen war. Wenn sich ein Raucher erst einmal infiziert habe, habe er ein viel größeres Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, betont der Virologe. Das haben britische Forschende in deiner anderen aktuell veröffentlichten Studie belegt (siehe Thorax, online vom 14.6.2021). Demnach liegt der Anteil der Infizierten, die wegen Covid-19 im Krankenhaus behandelt werden oder sogar sterben, bei Rauchern merklich höher als bei Nichtrauchern. Die Wahrscheinlichkeit, wegen Covid-19 ins Krankenhaus eingeliefert zu werden, könnte den Ergebnissen zufolge bei Menschen, die aktuell Raucher sind, fast doppelt so groß sein wie bei lebenslangen Nichtrauchern.

Ein Einfluss des Alkoholkonsums auf das Infektionsrisiko war übrigens nicht nachweisbar, auch wenn die Zahl der Infektionen in der Nähe der Bar am höchsten war. Die Luftzufuhr aus der Klimaanlage könnte hier eine Rolle gespielt haben, vermutet der Virologe Prof. Dr. med. Hendrik Streeck. Er schließt aus den Ergebnissen, dass die mangelnde Belüftung des Saales, in dem sich viele Personen auf engstem Raum über einen längeren Zeitraum aufhielten, ein wichtiger Grund für die hohe Zahl der Infektionen war.

Die Bedeutung eines Luftaustausches wird auch von einem Team um Kevin van den Wymelenberg von der Universität von Oregon in Eugene betont, das 35 infizierte Studenten bei ihrer 10-tätigen Quarantäne begleitete.

Während dieser Zeit wurde die Viruskonzentration in der Luft und auf verschiedenen Gegenständen, etwa dem Handy oder dem Computer, sowie im Bad auf dem Fußboden und am Lüftungsgitter untersucht. Es zeigte sich, dass überall Viren nachweisbar waren und dass deren Konzentration mit der Virusmenge im Abstrich der infizierten Studenten mit der Zeit abnahm.

Der wichtigste äußere Einfluss neben der Luftmenge, die über das Lüftungsgitter im Bad entwich, war die Häufigkeit, mit der die Studenten während der Quarantäne zum Lüften das Fenster geöffnet hatten. Bei Studenten, die ihre Zimmer selten lüfteten, wurden doppelt so hohe Viruskonzentrationen in der Luft und auf den Gegenständen gefunden.

Auch van den Wymelenberg kommt zu dem Schluss, dass ein regelmäßiges Lüften zu den Maßnahmen gehört, die die Viruskonzentration in den Räumen und damit das Infektionsrisiko wesentlich senken könnte.

Quelle: Deutsches Ärzteblatt vom 7.9.2021 & dpa vom 28.9.21