LUNGENÄRZTE

im Netz

In Zusammenarbeit mit:

Herausgeber:

24.12.2018

Risiken von Tabakerhitzern noch nicht abschätzbar

Heat-not-burn-Systeme wie Tabakerhitzer sind weniger schädlich als Zigaretten. Da es sie aber erst seit kurzer Zeit gibt, lassen sich mögliche Gesundheitsrisiken, die trotzdem von ihnen ausgehen könnten, noch nicht abschätzen.

© Sergey Eshmetov_Fotolia.com

Nach Angaben der Tabakindustrie geben Heat-not-burn-Systeme wie Tabakerhitzer 90 bis 95 % weniger Schadstoffe ab als konventionelle Zigaretten. Die aktuellen Daten vom Bundesinstitut für Risikobewertung scheinen diese Aussage zu stützen. Demgegenüber meinen Experten der European Respiratory Society (ERS), auch diese Systeme seien gesundheitsgefährlich. Was stimmt nun? Der künftige Präsident der ERS, Prof. Dr. Tobias Welte, bezieht Position in folgendem Interview.

Was die Gesundheitsgefahren angeht, sind die Aussagen zu den sog. Tabakerhitzern höchst widersprüchlich. Wie schätzen Sie die Risiken ein?

Prof. Welte: Lassen Sie uns erst mal zurückschauen. Die Tabakindustrie hat bis vor 20 Jahren Zigaretten für ungefährlich erklärt und die Gefahren systematisch verharmlost, selbst dann noch, als die wissenschaftliche Evidenz für den Einfluss auf Krebs-, Lungen- und Herz-/Kreislauferkrankungen erdrückend war. Mit der Einführung zunächst von Filterzigaretten, später der Light-Zigarette wurde behauptet, der Schadstoffausstoß sei reduziert und das Produkt damit sicherer geworden.

In Wirklichkeit führten Filter- und vor allem Light-Zigaretten dazu, dass mehr Zigaretten pro Raucher konsumiert wurden und sich das Inhalationsverhalten änderte. Weil die Schadstoffe jetzt tiefer in die Lunge eindrangen, änderte sich der Tumortyp vom eher zentral lokalisierten PlattenepithelkarzinomPlattenepithelkarzinom
Tumor der Haut und Schleimhäute, kann im Bereich der Atemwege insbesondere Mundschleimhaut, Zunge, Rachen, Luftröhre und Bronchien betreffen. Plattenepithelkarzinome machen etwa 40-50% aller Lungenkrebse aus.
zum peripheren AdenokarzinomAdenokarzinom
Darunter versteht man ein Karzinom des drüsenbildenden Gewebes. Es ist das am häufigsten vorkommende Karzinom bei Nichtrauchern. An allen Bronchialkarzinomen haben Adenokarzinome einen Anteil von 10-15%. Im Falle eines Lungenkarzinoms spricht man auch von einem Alveolarzellenkarzinom – ein seltener, meist kleinknotiger, manchmal unscharf (diffus) sich ausbreitender Lungentumor (pneumonische Form) aus Schleim bildenden, hochdifferenzierten Zellen (so genannte Zylinderepithelzellen), der oft beidseitig einzelne Lungenabschnitte bzw. den rechten UND den linken Lappen befällt. Seinen Ursprung hat das Adenokarzinom meistens in den die Lungenbläschen umgebenden Gewebezellen (Alveolarepithelzellen) genommen, manchmal aber auch in den die Bronchiolen umgebenden Gewebezellen (Bronchiolenepithelzellen – dann spricht man vom „bronchioloalveolären Karzinom“). 
. Letzteres wird später diagnostiziert, die Bronchialkarzinomtherapie wirkt schlechter und die Prognose der Patienten verschlechtert sich. Light-ZigarettenLight-Zigaretten
Seit 2003 verbietet eine europäische Tabak-Produktrichtlinie Bezeichnungen wie „Light“, „Leicht“ oder „Mild“ für Zigaretten, da der Verbraucher hinsichtlich ihrer tatsächlich gesundheitsgefährdenden Inhaltsstoffe getäuscht werde. Heute tragen solche Tabak-Produkte oft Namenszusätze wie „Blue“ oder „Gentle“. 
 
erzeugten also nachweislich genau das Gegenteil von dem, was von der Tabakindustrie versprochen wurde.

Und wie steht es nun um die neuen Systeme, bei denen der Tabak nicht mehr verbrannt wird?

Prof. Welte: Die Tabakindustrie wurde leider lange durch wissenschaftliche Studien unterstützt. Dabei liegt das Problem in erster Linie darin, dass diese Studien primär nur Kurzzeitergebnisse liefern, jedoch keine Aussage über Langzeitschäden erlauben.

Die Heat-not-burn-Produkte sind für mich eine Art von Déjà-vu, weil sie genau das Problem reflektieren, das ich für die Light-Zigarette beschrieben habe. Bekannte Schadstoffe werden reduziert, es ist jedoch unklar, ob neue Schadstoffe entstehen und was das für Langzeitfolgen nach sich zieht. Die ERS kritisiert, dass die Tabakindustrie nicht gezwungen wird, die Sicherheit ihrer Produkte nachzuweisen und die dazu notwendige Forschung zu finanzieren. Die Industrie verdient, mögliche Probleme bleiben am Einzelnen und an der Öffentlichkeit hängen.

Was können Ärzte verunsicherten Patienten sagen?

Prof. Welte: Die beste Prävention ist und bleibt, auf Nikotinprodukte zu verzichten, egal in welcher Form sie präsentiert werden. Ziel der ärztlichen Aufklärung muss es sein, die Zahl der Nikotinkonsumenten zu verringern. Patienten müssen darüber aufgeklärt werden, dass auch die neuen Produkte Risiken mit sich bringen, auch wenn sich die Art und das Ausmaß dieser Schädigung noch nicht abschätzen lassen, weil es diese Produkte erst kurz gibt. Letztlich kann der Patient in einer freien Gesellschaft selbst entscheiden, was er bevorzugt, er sollte jedoch ehrlich informiert werden.

Wie sollte die Politik Ihrer Ansicht nach reagieren?

Prof. Welte: Die Politik darf den neuen Produkten keinen Freifahrtschein erteilen oder sie, wie in Großbritannien geschehen, sogar noch empfehlen. Die Industrie muss gezwungen werden, Daten zur Sicherheit ihrer Produkte zu liefern, wobei die Untersuchungen von industrieunabhängigen Forschungsinstituten geleitet werden müssen. Konkret muss die Industrie Forschungsgelder zur Verfügung stellen, die unter Kontrolle staatlicher Forschungsorganisationen wie Bundesministerium für Bildung und Forschung oder Deutscher Forschungsgemeinschaft genutzt werden.

Welche Forschung wünschen Sie sich rund um das Thema?

Prof. Welte: Wir brauchen unabhängige Untersuchungen auf allen Ebenen. Der Einfluss der neuen Produkte muss auf zellulärer Ebene mit modernen molekularen Methoden analysiert werden. Die Erkenntnisse müssen genutzt werden, um sowohl Kurzzeiteffekte auf das Atemwegsepithel und insbesondere auf pathologisches Zellwachstum als auch Langzeiteffekte zu untersuchen. Für Letzteres ist der Aufbau von Patientenregistern und prospektiven Kohortenstudien essenziell.

Eine solche Registerforschung wird bisher in Deutschland nur im Rahmen zeitlich begrenzter Projekte gefördert, es fehlt eine ausfinanzierte Langzeitforschung. Neben dem Bundesministerium für Bildung und Forschung ist aufgrund des Gesamtinteresses der Bevölkerung auch das Bundesgesundheitsministerium gefragt.

Quelle: Medical Tribune vom 18.9.18