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04.02.2009

Nikotinsucht über die Zunge

Nicht nur im Gehirn, sondern auch auf der Zunge gibt es spezielle Bindungsstellen für NikotinNikotin
Mehrere Gründe sprechen dafür, dass die abhängigkeitserzeugende Substanz in Zigaretten das Nikotin ist:
  * Nikotin dringt ins zentrale Nervensystem (ZNS) ein und ist psychoaktiv.
  * Die physiologischen Effekte von Rauchen und gespritztem Nikotin sind identisch.
  * Nikotin funktioniert als „positiver Verstärker". Menschen (und auch Tiere) fügen sich in Experimenten eigenständig Nikotin zu.
  * Das Ablassen vom Suchtstoff (Tabak-Abstinenz) fällt leichter, wenn Nikotin medikamentös zugeführt (substituiert, also ersetzt) wird.
  * Raucher neigen dazu, ihr Rauchverhalten an die verschiedenen Nikotingehalte von Tabakerzeugnissen anzupassen
, die offenbar entscheidend an der Entwicklung einer Nikotin-Abhängigkeit beteiligt sind. Das haben portugiesische und amerikanische Wissenschaftler bei Mäusen und Ratten entdeckt, wie sie in der Fachzeitschrift PNAS berichten.

Das beim Rauchen inhalierte Nikotin gelangt über die Lunge ins Blut und dann ins Gehirn, wo es an bestimmte Nikotin-Rezeptoren (nACHRs) andockt und so die Ausschüttung verschiedener Botenstoffe (wie z.B. Dopamin) bewirkt. Diese lösen im Belohnungssystem ein allgemeines Wollgefühl aus, was zu Nikotinabhängigkeit führen kann. Bisher ist man davon ausgegangen, dass Nikotin primär auf diesem Weg seine Wirkung im Gehirn entfaltet. Jetzt haben portugiesische und amerikanische Wissenschaftler auch auf der Zunge von Ratten und Mäusen Nikotin-Rezeptoren entdeckt, die möglicherweise eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung der Nikotinsucht spielen. Durch diese Entdeckung könnten sich neue Möglichkeiten zur Bekämpfung der Tabaksucht eröffnen, schreiben die Forscher um Albino J. Oliveira-Maia von der Universität Porto in einer Online-Vorabveröffentlichung der Fachzeitschrift PNAS .

Vermutet haben Forscher schon länger, dass auch der Geschmack von Nikotin, der vor allem als bitter beschrieben wird, zur Entstehung der Sucht beiträgt. So weiß man, dass nach Verletzungen derjenigen Hirnregionen, die für Geschmacksempfindungen zuständig sind, selbst bei starken Rauchern ganz plötzlich das Verlangen nach Nikotin verschwindet. Andererseits sind Menschen, die sehr sensibel für bittere Substanzen sind, überdurchschnittlich häufig Nichtraucher.

Oliveira-Maia und seine Kollegen stellten nun bei Ratten und Mäusen fest, dass Nikotin auf der Zunge zwei verschiedene Reaktionen im Gehirn auslöst: Zum einen wird über denselben Signalweg, den auch Bitterstoffe aus der Nahrung einschlagen, von den Geschmacksknospen auf der Zunge die Geschmacksempfindung „bitter“ ans Gehirn gemeldet. Unabhängig davon erzeugt das Nikotin durch Andocken an die jetzt neu entdeckten, spezifischen Nikotinrezeptoren auf der Zunge aber zusätzlich noch ein weiteres, eigenes Aktivitätsmuster im Gehirn. Nach Gabe bestimmter Hemmstoffe, welche diese Nikotin-Rezeptoren auf der Zunge lahm legen, ließ sich im Tierversuch die Gehirnreaktion der Tiere auf das Nikotin fast vollständig unterbinden. Sollte sich bestätigen, dass Nikotin beim Menschen auf die gleiche Weise wirkt, könnten Wirkstoffe gegen die Nikotinsucht direkt auf die Zunge aufgetragen werden, was ihre Wirksamkeit erhöhen sollte und unerwünschte Nebenwirkungen verringern könnte. Bisher verfügbare Wirkstoffe, die auf die Nikotinrezeptoren im Gehirn abzielen, müssen in Tablettenform eingenommen werden, haben relativ viele unerwünschte Nebenwirkungen und dabei nur eine geringe langfristige Erfolgsrate von etwa 20 Prozent. Mit der Entdeckung der Nikotin- Rezeptoren auf der Zunge eröffne sich nun möglicherweise eine „zweite Angriffsfront“ für eine effektivere und nebenwirkungsärmere Therapie gegen das Rauchen, hoffen die Forscher.