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26.09.2005

Neuer Impfstoff gegen Tuberkulose in Entwicklung

Berliner Forschern ist es gelungen, einen gentechnisch veränderten Impfstoff gegen Tuberkulose zu entwickeln, der offenbar auch Schutz vor Ansteckung mit resistenten Bakterienstämmen bieten kann. Auf diesen neuen, vorerst nur im Tierversuch erprobten Impfstoff reagiert das ImmunsystemImmunsystem
Das körpereigene Abwehrsystem besteht aus drei Funktionskreisen:
(1) Knochenmark als Bildungsort für Immunzellen.
(2) Verschiedene zentrale Immunorgane wie Thymus (Prägung von T-Lymphozyten) und darmnahe Lymphorgane (für die Prägung von B-Lymphozyten).
(3) Sekundäre Lymphorgane wie Milz, Lymphknoten und Mandeln (Tonsillen).
Man unterscheidet die so genannte humorale Abwehr (über die Körperflüssigkeiten mit darin enthaltenen Antikörpern und Faktoren aus dem so genannten Komplementsystem) und die zellvermittelte Abwehr (mit B- und T-Zellen, Makrophagen, Antigen-präsentierenden Zellen, Granulozyten u.a.).
sehr viel besser als auf die herkömmliche BCG-Impfung, die nur bei Kindern eine begrenzte Wirkung hat und gegenüber resistenten Stämmen versagt...

Der bislang eingesetzte Impfstoff BCG (Bacillus Calmette-Guérin) besteht aus abgeschwächten Erregern der Rindertuberkulose und wurde bereits in den 20er Jahren entwickelt. Er bietet nur Kindern einen begrenzten Schutz und hat bei diesen mit dem vermehrten Aufkommen resistenterresistenter
Bakterien können eine Resistenz gegen bestimmte Arzneistoffe entwickeln - das heißt, sie werden unempfindlich gegenüber diesen Medikamente. Die Medikamente, vor allem Antibiotika, sind nicht mehr gegen diese Bakterien wirksam.
Resistente Erreger entwickeln sich - insbesondere bei großen Erregermengen - entweder durch spontane Genveränderungen (Mutationen) oder durch selektive Vermehrung (Selektion) von natürlich vorkommenden resistenten Bakterien-Subpopulationen, z.B. aufgrund einer unzureichenden oder zu früh abgebrochenen Therapie.
Erreger in den letzten Jahren auch schon mehrmals versagt. Jetzt haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie in Berlin eine gentechnisch veränderte Variante des „alten“ BCG-Impfstoffes entwickelt, die im Tierversuch eine deutlich verbesserte Immunantwort hervorruft.

Der bisher schlechte Impfschutz gegen Tuberkulose liegt darin begründet, dass sich Tuberkel-Bazillen einer Bekämpfung durch das Immunsystem entziehen: Sie verschanzen sich nämlich genau in denjenigen Abwehrzellen, die das Immunsystem eigentlich einsetzt, um sie zu vernichten. Normalerweise werden Krankheitserreger von den so genannten Fresszellen bzw. MakrophagenMakrophagen
Fresszellen des Immunsystems, die in den Lungenbläschen (Alveolen) vielerlei Funktionen erfüllen, zum Beispiel die Reinigung der Lunge, indem sie sich Fremdpartikel (Erreger, Staub, Ruß etc.) einverleiben. Sie sind u.a. aber auch an Entzündungs- und Überempfindlichkeitsreaktionen beteiligt.
der körpereigenen Abwehr verdaut. Stattdessen dringen die Tuberkel-Bakterien in die Fresszellen ein und verstecken sich innerhalb von kleinen Bläschen, den Phagosomen. Hier sind sie aufgrund der Bläschenmembran vor der Immunabwehr geschützt und können sich ungestört vermehren.

Schwer angreifbare Bazillen überlistet
Den Forschern des MPI ist es nun gelungen, die Tuberkelbakterien aus ihrem Versteck zu locken, um sie für die körpereigene Immunanabwehr angreifbar zu machen. Sie bauten ein bestimmtes Bakterien-Gen (aus Listeria monocytogenes, dem Erreger der Listeriose) in die BCG-Bazillen ein. Beim Ablesen dieses Gens wird ein Enzym (namens Listerolycin) gebildet, das dazu in der Lage ist, die Membran der Phagosomen aufzulösen. Ohne „Schutzwall“ innerhalb der Makrophagen sind die Tuberkulose-Bakterien für das Immunsystem wieder erkennbar und werden durch Selbstzerstörung der Makrophagen beseitigt.

Im Tierversuch schützte der neue Impfstoff Mäuse deutlich besser gegen Tuberkulose als der unveränderte BCG-Impfstoff. So wurden nach Ansteckung tausendfach geringere Erregermengen in den Lungen der Mäuse vorgefunden. Auch gegen resistente Bakterienstämme, die sich nicht mehr mit gebräuchlichen Antibiotika bekämpfen lassen, erwies sich der Impfstoff als wirksam.

Die Berliner Wissenschaftler beabsichtigen, mit klinischen Studien Anfang des kommenden Jahres beginnen zu können. In erster Linie sei der neue BCG-Impfstoff für Neugeborene gedacht. Für Menschen mit geschwächtem Immunsystem, wie zum Beispiel HIV-Infizierte, dürfte er allerdings ein zu großes Risiko darstellen, da die Impfung mit einem Lebendimpfstoff bei Immungeschwächten auch zum Krankheitsausbruch führen kann.

Quelle:
Deutsches Ärzteblatt, 22.08.05: www.aerzteblatt.de/v4/news/newsdruck.asp?id=21143