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16.10.2020

Neuartige Entzündungshemmer mit weniger Nebenwirkungen

Medizinisch interessant für eine Entzündungshemmung sind zwei Phospholipide, die natürlicherweise im menschlichen Körper vorkommen, so dass der Körper sie nicht als Fremdstoffe erkennt. Somit böten sie Vorteile gegenüber körperfremden Entzündungshemmern wie Ibuprofen oder Diclofenac: Nebenwirkungen wären seltener zu erwarten.

Entzündungshemmende Stoffe auf Basis von Bestandteilen menschlicher Körperzellen könnten künftig die Therapie für Patienten verbessern. Solche Substanzen werden nämlich vom Körper nicht als Fremdstoffe erkannt und bieten daher Vorteile gegenüber körperfremden Entzündungshemmern wie Ibuprofen oder Diclofenac (siehe European Journal of Pharmaceutical Sciences, Online-Veröffentlichung am 1.9.2020). Forschende am Institut für Pharmazie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) haben nun ein Verfahren entwickelt, um diese Substanzen in kontrollierter Qualität herstellen zu können.

„Wir versuchen nachzumachen, was die Natur vormacht", berichtet Prof. Dr. Karsten Mäder vom Institut für Pharmazie der MLU. Denn die neuartigen Entzündungshemmer kommen im menschlichen Körper natürlich vor, beispielsweise auf der Innenseite von Körperzellen. Stirbt eine Zelle, kehrt sie ihr Inneres nach außen, genauer gesagt einen bestimmten Bestandteil ihrer Zellmembran: Phosphatidylserin (PS). Das gibt Fresszellen das Signal, diese tote Zelle zu verdauen. Dass hierbei keine Entzündungsreaktion stattfindet, auch dafür sorgt PS.

Ähnliches passiert in der Lunge, die beim Einatmen mit sehr vielen Fremdstoffen konfrontiert ist. Hier sorgt ein weiteres Phospholipid, das Phosphatidylglycerol (PG), dafür, dass es keine übertriebene Entzündungsreaktion gibt. Mäders Arbeitsgruppe hat diese Substanzen nun so aufbereitet, dass sie potenziell als Arzneimittel genutzt werden könnten - mögliche Einsatzgebiete sind auch Infarkte, Arthritis oder Schuppenflechte. Eine Studie aus den USA hat bereits gezeigt, dass besonders PS gegen die Entzündung nach einem Herzinfarkt wirkt.

„Allerdings war die Herstellung der Zubereitung aufwendig“, so Mäder. In der halleschen Arbeitsgruppe wurde nun ein Herstellungsverfahren entwickelt, das wesentlich einfacher und kostengünstiger ist. Die Phospholipide bilden dabei kleine Teilchen unter zehn Nanometern, weswegen sie einfach steril zu filtrieren sind. Sie erwiesen sich außerdem als nicht schädlich für Körperzellen und Blutbestandteile. Vor allem die so hergestellten PG-Teilchen verringerten unter Laborbedingungen die entzündliche Aktivität der Fresszellen. „Die Ergebnisse weisen auf ein hohes Potenzial der Phospholipide für anti-entzündliche Therapien hin", bilanziert Mäder die Forschungsarbeit. Damit die natürlichen Entzündungshemmer beim Menschen angewendet werden können, sind jedoch noch mehrjährige klinische Studien nötig.

Quelle: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg