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29.09.2014

MERS – wenig ansteckend, aber gefährlich

Das MERS-Coronavirus verbreitete sich von der Arabischen Halbinsel aus auch nach Europa und hat mittlerweile insgesamt mehrere Hundert Menschenleben gefordert. Seit längerem rätseln Wissenschaftler darüber, ob und wie leicht der Erreger übertragbar ist. Ein internationales Forscherteam kommt nun zu dem Ergebnis, dass die menschliche Ansteckungsrate gering ist. Es gibt jedoch keine Entwarnung, da die Krankheit sehr gefährlich ist: Ein Drittel der symptomatisch Infizierten stirbt.

Das „Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus“ (MERS-CoV) wurde erstmals 2012 auf der arabischen Halbinsel festgestellt und verbreitete sich von dort unter anderem über Europa und Nordafrika weiter. Es handelt sich bei der Erkrankung um eine schwere virale Lungenentzündung Insgesamt sind mittlerweile mindestens 856 Erkrankungsfälle registriert, wenigstens 241 Menschen starben an den Folgen der Infektion. Wissenschaftler rätseln darüber, wie ansteckend die Erkrankung und wie hoch die Dunkelziffer nicht erkannter Infizierter ist. Bislang gab es dazu nur theoretische Hochrechnungen.

Erstmals ist es nun einem internationalen Wissenschaftlerteam unter Federführung von Prof. Dr. Christian Drosten vom Institut für Virologie des Universitätsklinikums Bonn gelungen, die Infektionsraten direkt zu beobachten. „Die Übertragbarkeit des Virus und die Dunkelziffer sind gering“, fasst Prof. Drosten das Ergebnis zusammen. In Saudi-Arabien verfolgten die Forscher nach Auftreten von Neuinfektionen, wie sich die Krankheit im häuslichen Umfeld der Patienten weiter ausbreitete. Insgesamt wurden 280 Menschen untersucht, die in den Haushalten von 26 Infizierten leben. Es kam gerade einmal in zwölf Fällen (vier Prozent) zu einer Ansteckung (siehe The New English Journal of Medicine 2014, Band 371, Seite 828-835). „Da jeder Infizierte deutlich weniger als einen weiteren Menschen ansteckte, ist davon auszugehen, dass das MERS-Virus keine PandemiePandemie
Unter einer Pandemie versteht man eine sich weit verbreitende und dabei ganze Länder oder Kontinente erfassende Krankheit.
Vermischen sich beispielsweise die Erbinformationen von zwei verschiedenen Influenza-Viren in einem Zwischenwirt (z.B. Schwein), tritt ein neuer Virus-Typ mit noch unbekannten Eigenschaften auf. Dieser so genannte Subtyp kann sich schnell ausbreiten, da die Menschen gegen diesen Erreger weder über natürliche noch infolge einer Schutzimpfung aufgebaute Antikörper verfügen. Der jährliche Grippe-Impfschutz erfasst zwar neue Varianten des Influenza-Virus (d.h. leichteVeränderungen in der Oberflächenstruktur), aber keine komplett neuartigen Subtypen. Bricht eine Pandemie aus, muss daher schnell ein Impfstoff gegen den neuen Subtyp entwickelt werden und/oder ein antiviral wirksames Medikament flächendeckend eingesetzt werden.
hervorrufen wird“, folgert der Virologe des Bonner Universitätsklinikums. Eine schnelle Ausbreitung einer Krankheit erfolge nur, wenn jeder Infizierte mehrere andere Menschen anstecke.

Die Wissenschaftler geben jedoch keine Entwarnung: „Auch wenn die Übertragungsrate gering ist: Die MERS-Infektion ist sehr gefährlich, rund ein Drittel der symptomatischen Patienten stirbt an den Folgen der Infektion“, erklärt Prof. Drosten. Neben der Ansteckung von Mensch zu Mensch gibt es noch eine weiteren wichtigen Übertragungsweg: Wie ein Forscherteam um Prof. Drosten bereits vor einem Jahr publizierte, sind möglicherweise Dromedare an der Virusübertragung beteiligt. Sie sind im Mittleren Osten verbreitet und könnten durch ihren engen Kontakt mit dem Menschen für einen Teil der menschlichen Erkrankungen verantwortlich sein.

Für diese These spricht nach Ansicht des Virologen, dass im Frühjahr die MERS-Infektionsraten deutlich zunehmen. Zu dieser Zeit gibt es viele neugeborene Kamele, und die einjährigen Tiere werden ihren Muttertieren entzogen und zusammengetrieben, was jeweils ein erhöhtes Ansteckungsrisiko birgt. „Eine Infektion von Tier zu Tier und dann auf den Menschen zu unterbinden, ist nicht einfach“, sagt Prof. Drosten. Eine Möglichkeit wäre, dass eine MERS-Impfung für Kamele entwickelt würde. In dem weitläufigen Land mit einer teils nomadischen Lebensweise sei eine Durchimpfung jedoch logistisch schwer umsetzbar.

Die Virologen des Bonner Universitätsklinikums entwickelten zum Nachweis der MERS-Infektionen in den saudi-arabischen Haushalten auch erstmals eine verlässliche Methode, mit der sich serologisch AntikörperAntikörper
Antikörper werden auch Immunglobuline (Ig) genannt und sind Eiweißstoffe (Glykoproteine), die der menschliche Körper nach Kontakt mit einem Fremdstoff (Antigen) bildet. Diese Antikörper können dann gezielt (in der sogenannten Antigen-Antikörper-Reaktion) an die Antigene binden. Die so entstehenden Immunkomplexe werden dann unschädlich gemacht. Erhöhte Ig-Mengen weisen allgemein auf eine gesteigerte Immunabwehr hin, wie sie bei akuten oder chronischen Infektionskrankheiten (allergischen und parasitären Krankheiten) häufig auftritt. Man unterteilt die Immunglobuline in vier verschiedene Klassen (Ig A, Ig E, Ig G und Ig M). Je nachdem welcher Typ vermehrt vorliegt, erlaubt dies Rückschlüsse auf die vorliegende Krankheit.
im Blut nachweisen lassen. Demnächst soll der neue Test durch eine deutsche Firma auf den Markt kommen und dann allen Ärzten zur Verfügung stehen. Der Zugang zu den Familien der Infizierten in dem arabischen Land war für das internationale Forscherteam aus Deutschland, Saudi-Arabien, den Niederlanden und England eine große Herausforderung. Dr. Ziad Memish, damals stellvertretender Gesundheitsminister in Saudi-Arabien und Mitautor der Publikation, half dabei, die Menschen zu überzeugen, sich für die Studie untersuchen zu lassen.

Quelle: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn