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05.01.2018

Mehr Impfberatung durch den Arzt wünschenswert

Der Aufklärungsbedarf von Patienten in Sachen Lungenentzündung ist offenbar groß: Jeder fünfte Hochrisikopatient weiß nicht genau, was eine Lungenentzündung ist. Und nur 39 % der Hochrisikopatienten haben schon von einer Impfung gegen Pneumonie gehört.

© Gina Sanders_Fotolia.com

Über 90% der Patienten in Deutschland würden den Impf-Empfehlungen ihres Arztes folgen. Das ergab eine Umfrage (Adult Pneumonia Vaccine Understanding in Europe-Studie, abgekürzt PneuVUE 2016), für die Erwachsene ab 50 Jahren zum Thema Lungenentzündung (Pneumonie) befragt wurden. Dass die Patienten also durchaus aufgeschlossen für eine Impfberatung zu sein scheinen, ist eine gute Nachricht für die Praxis. Denn die Impfquoten sind trotz Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) vergleichsweise niedrig. Und nur 22% der Befragten mit einem erhöhten Risiko, an einer PneumokokkenPneumokokken
Das sind kugelförmige Bakterien, die (im Gegensatz zu Legionellen) mit dem Antibiotikum Penicillin meistens gut in den Griff zu bekommen sind. Gegen die von Pneumokokken verursachte Lungenentzündung gibt es auch eine vorbeugende Impfung.
-Infektionen zu erkranken, gaben an, auch eine Pneumokokken-Impfung erhalten zu haben.

In Deutschland erkranken jährlich etwa 400.000 bis 680.000 Menschen an einer ambulant (also nicht im Krankenhaus) erworbenen Pneumonie. Häufigster Erreger sind Pneumokokken. Besonders gefährdet, an einer Pneumokokken-Infektion zu erkranken, sind Menschen mit geschwächtem ImmunsystemImmunsystem
Das körpereigene Abwehrsystem besteht aus drei Funktionskreisen:
(1) Knochenmark als Bildungsort für Immunzellen.
(2) Verschiedene zentrale Immunorgane wie Thymus (Prägung von T-Lymphozyten) und darmnahe Lymphorgane (für die Prägung von B-Lymphozyten).
(3) Sekundäre Lymphorgane wie Milz, Lymphknoten und Mandeln (Tonsillen).
Man unterscheidet die so genannte humorale Abwehr (über die Körperflüssigkeiten mit darin enthaltenen Antikörpern und Faktoren aus dem so genannten Komplementsystem) und die zellvermittelte Abwehr (mit B- und T-Zellen, Makrophagen, Antigen-präsentierenden Zellen, Granulozyten u.a.).
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Von den insgesamt 1.001 deutschen Teilnehmern der PneuVUE-Studie wurden 12% als Hochrisikopatienten für Infektionskrankheiten eingestuft, da diese Teilnehmer nach eigenen Angaben unter einer Begleiterkrankung wie HIV, einem geschwächten Immunsystem, einer Krebserkrankung oder Asplenie litten oder ein Organtransplantat erhalten hatten. Für den Schutz von immunsupprimierten Patienten vor einer Pneumokokken-Infektion empfiehlt die STIKO eine sequenzielle Pneumokokken-Impfung mit einem 13-valenten Konjugatimpfstoff gefolgt von einem 23-valenten Polysaccharidimpfstoff.

Viele dieser Hochrisikopatienten unterschätzen jedoch die Gefahr. Nach Ergebnissen der PneuVUE-Befragung glauben nur rund 20% der Befragten, ein erhöhtes Risiko für eine Lungenentzündung zu haben. Ihr tatsächlich erhöhtes Risiko lässt sich allerdings beziffern: Krebs-Patienten haben ein 3,5-fach höheres Risiko an einer Pneumonie zu erkranken, bei Patienten mit Rheumatoider Arthritis ist das Risiko um den Faktor 2,6 erhöht, bei Patienten mit chronischem Nierenversagen sogar um dem Faktor 5,4.

Die PneuVUE-Umfrage macht deutlich, dass Ärzte einen Beitrag zur Steigerung der Impfraten leisten können. Von den gegen Pneumokokken geimpften Hochrisikopatienten gaben 62% an, der Empfehlung ihres Hausarztes gefolgt zu sein, 23% der ihres Facharztes. Insbesondere bei der Pneumokokken-Impfung scheint die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, mit dem Wissen über die Impfung zusammenzuhängen. Das zeigt zumindest eine andere Studie, für die über 1.200 Ältere zu ihrem Wissen, ihrer Einstellung und ihrer Praxis in Bezug auf verschiedene Impfungen befragt wurden (siehe BMC Public Health, Online-Veröffentlichung am 4.2.2016)

Für den behandelnden Arzt bedeutet dies, den Hochrisikopatienten zu identifizieren und eine individuelle Impf-Beratung durchzuführen: „Allgemeinmediziner und Fachärzte sollten durch eine enge Zusammenarbeit sicherstellen, dass Hochrisikopatienten über ihre erhöhte Infektionsgefahr informiert sind“, betont Prof. Dr. med. Christof von Eiff vom Institut für Medizinische Mikrobiologie der Universität Münster. „Dafür kann es durchaus sinnvoll sein, Patientenbriefe auszutauschen und bei Bedarf Impf-Empfehlungen auszusprechen. Dass über 90% der Hochrisikopatienten der Impf-Empfehlung ihres Arztes folgen würden, zeigt nicht nur, dass Patienten den Entscheidungen ihres Arztes vertrauen, sondern auch, dass eine Impf-Empfehlung in nahezu jedem Fall umgesetzt wird.“

Dennoch gaben nur 22% der Hochrisikopatienten in der aktuellen PneuVUE-Umfrage an, eine Pneumokokken-Impfung erhalten zu haben. Nur 15% der Teilnehmer waren es in der Vergleichsgruppe ohne ein erhöhtes Risiko. Damit bestätigt die Umfrage Ergebnisse aus anderen Untersuchungen, die zu niedrige Pneumokokken-Impfraten bei Hochrisikopatienten aber auch bei Menschen über 50 Jahren im Allgemeinen aufzeigen. Die Gründe für die niedrigen Impfquoten werden in Fachkreisen immer wieder kontrovers diskutiert. Dabei ist der Aufklärungsbedarf in Sachen Lungenentzündung und Pneumokokken-Infektion offenbar groß: So wusste etwa jeder fünfte Hochrisikopatient nicht genau, was eine Lungenentzündung ist. Von einer Impfung gegen Pneumonie hatten lediglich 39% der Hochrisikopatienten gehört.

Quelle: journalmed