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01.07.2021

Lungenkrebs mit den eigenen Waffen schlagen

Was eine auf die individuelle Tumorgenetik abgestimmte, personalisierte Medizin für die Behandlung von Lungenkrebs bedeutet, war eines der Themen auf dem DGP-Jahreskongress der Lungenärzte.

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Der Weg von gesunden Körperzellen zu Krebszellen führt über Mutationen: Durch Veränderungen im Erbgut entkoppeln sich die Zellen vom geordneten Zellverband, vermehren sich ungehemmt und verdrängen gesundes Gewebe. Andere Mutationen wiederum sorgen dafür, dass die Krebszellen der ImmunabwehrImmunabwehr
Das körpereigene Abwehrsystem besteht aus drei Funktionskreisen:
(1) Knochenmark als Bildungsort für Immunzellen.
(2) Verschiedene zentrale Immunorgane wie Thymus (Prägung von T-Lymphozyten) und darmnahe Lymphorgane (für die Prägung von B-Lymphozyten).
(3) Sekundäre Lymphorgane wie Milz, Lymphknoten und Mandeln (Tonsillen).
Man unterscheidet die so genannte humorale Abwehr (über die Körperflüssigkeiten mit darin enthaltenen Antikörpern und Faktoren aus dem so genannten Komplementsystem) und die zellvermittelte Abwehr (mit B- und T-Zellen, Makrophagen, Antigen-präsentierenden Zellen, Granulozyten u.a.).
entgehen. Mittlerweile sind einige dieser genetischen und genregulatorischen Besonderheiten bekannt, die Tumorzellen einerseits besonders gefährlich machen – andererseits aber auch als Angriffspunkte für neuartige Wirkstoffe dienen können. Was eine auf die individuelle Tumorgenetik abgestimmte, personalisierte Medizin gerade für die Behandlung des Lungenkrebses bedeutet, diskutierten Expertinnen und Experten auf dem 61. Kongress der Deutschen Gesellschaft für PneumologiePneumologie
Die Atemwegs- und Lungenheilkunde (Pneumologie) ist ein Teilgebiet der Inneren Medizin, das sich mit der Vorbeugung, Erkennung und fachärztlichen Behandlung von Krankheiten der Lunge, der Bronchien, des Mediastinums (Mittelfell) und der Pleura (Rippen- und Lungenfell) befasst.
und Beatmungsmedizin e. V. (DGP), der vom 2. bis 6. Juni 2021 online stattfand.

Mit über 50.000 Neuerkrankungen jährlich ist der LungenkrebsLungenkrebs
Das ist der im Brustkorb gelegene Raum zwischen den beiden Lungenflügeln, in dem die Brusteingeweide untergebracht sind - also das Herz, zugehörige Nerven, Gefäße und Lymphknoten. Die Pleuren (Rippen- und Lungenfell), welche die beiden Brustfellhöhlen mit den Lungenflügeln auskleiden, bilden eine Trennwand zwischen Mediastinum und Lunge. Nach vorne und hinten wird dieser Raum vom Brustbein und der Brustwirbelsäule begrenzt, von oben und unten erstreckt er sich etwa ab Höhe des Schlüsselbeins bis hinunter zum Zwerchfell. 
(Bronchialkarzinom) die häufigste Krebsart in Deutschland. Zugleich ist er auch einer der gefährlichsten: Rund 35 000 Menschen sterben jedes Jahr an dem Krebs, der oft schon metastasiert hat, bevor er entdeckt wird. Doch Lungenkrebs ist nicht gleich Lungenkrebs. „So wie die Patientinnen und Patienten sich unterscheiden, bringt auch jeder Tumor seine individuellen genetischen Eigenschaften mit sich“, erläutert Prof. Dr. med. Gernot Rohde, Leiter des Schwerpunktes Pneumologie/Allergologie am Universitätsklinikum Frankfurt und diesjähriger DGP-Kongresspräsident. Diese Eigenschaften seien in den letzten Jahren immer genauer entschlüsselt und so der Weg zu einer personalisierten Präzisionsmedizin geebnet worden.

Ein Feld intensiver Forschung sind dabei die sogenannten Treibermutationen. Durch diese entkoppeln die Krebszellen ihr Wachstum von äußeren Einflussfaktoren. „Zellwachstum und -teilung werden normalerweise durch Wachstumsfaktoren angestoßen, die sich mit bestimmten Rezeptoren auf der Zelloberfläche verbinden“, erklärt Rohde. Dadurch wird im Zellinneren eine mehrstufige Signalkette in Gang gesetzt, an der eine ganze Reihe von Enzymen, unter anderem sogenannte Tyrosinkinasen, beteiligt sind. Bei rund jedem vierten nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinom (NSCLC) finden sich Mutationen, die diesen Signalweg auch ohne Wachstumsfaktoren permanent aktiv halten. „Mithilfe von Wirkstoffen, die die Tyrosinkinasen hemmen, kann das Tumorwachstum bei Patienten mit dieser Lungenkrebsform gebremst werden“, berichtet Rohde. Damit sei es gelungen, ihre mittlere Überlebenszeit von 9,6 auf 31,5 Monate zu verlängern. Ein weiterer Wirkstoff, der mit dem Enzym K-RAS ein nachgeschaltetes Glied in der Signalkette anspricht, befindet sich zurzeit in der Entwicklung. „Für Patienten mit K-RAS-Mutationen gibt es bislang keine Therapieoption, weil Tyrosinkinasehemmer hier nicht wirken“, so Rohde. Der neue K-RAS-Hemmer habe sich in klinischen Phase-II-Studien bereits als wirksam erwiesen und könne den Krankheitsverlauf bei immerhin rund 37 Prozent der untersuchten Patienten verlangsamen.

Ein weiteres Ziel der individualisierten Krebstherapie sind sogenannte Immuncheckpoints. „Viele Lungenkrebszellen bilden vermehrt spezielle Oberflächenmoleküle aus, die den Angriff von Immunzellen hemmen“, erläutert Rohde. Mithilfe neuartiger AntikörperAntikörper
Antikörper werden auch Immunglobuline (Ig) genannt und sind Eiweißstoffe (Glykoproteine), die der menschliche Körper nach Kontakt mit einem Fremdstoff (Antigen) bildet. Diese Antikörper können dann gezielt (in der sogenannten Antigen-Antikörper-Reaktion) an die Antigene binden. Die so entstehenden Immunkomplexe werden dann unschädlich gemacht. Erhöhte Ig-Mengen weisen allgemein auf eine gesteigerte Immunabwehr hin, wie sie bei akuten oder chronischen Infektionskrankheiten (allergischen und parasitären Krankheiten) häufig auftritt. Man unterteilt die Immunglobuline in vier verschiedene Klassen (Ig A, Ig E, Ig G und Ig M). Je nachdem welcher Typ vermehrt vorliegt, erlaubt dies Rückschlüsse auf die vorliegende Krankheit.
-basierter Wirkstoffe gelinge es immer besser, diese Hemmung aufzuheben – die Krebszellen könnten dann vom Immunsystem wieder als gefährlich erkannt und abgetötet werden. Gerade in Kombination mit einer Chemotherapie ergebe sich daraus ein deutlicher Gewinn an Überlebenszeit für die Patienten. „Die Entdeckung der Immuncheckpoints und der Treibermutationen sowie der gezielt darauf abgestimmten Wirkstoffe hat die Lungenkrebstherapie in den vergangenen Jahren revolutioniert“, resümiert der diesjährige DGP-Kongresspräsident.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP)