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06.06.2022

Lungenentzündung durch Papagei oder Ziege

Vogelzüchter und Ziegenhalter sind besonders gefährdet, an einer zoonotisch verursachten Lungenentzündung zu erkranken, die lebensgefährlich verlaufen kann, wenn sie nicht entdeckt wird.

Zoonotische ErregerZoonotische Erreger
Infektionskrankheiten, die von Bakterien, Viren, Parasiten, Pilzen oder Prionen verursacht und wechselseitig zwischen Tieren und Menschen übertragen werden können.
der Gattung Chlamydia können beim Menschen lebensgefährliche Lungenentzündungen (Pneumonien) hervorrufen. Die Frage „Hatten Sie Kontakt mit Tieren?“ darf daher in der Arztpraxis oder Klinik nicht fehlen, wenn ein Patient mit einer Lungensymptomatik vorstellig wird. Dazu raten Dr. Frank Imkamp vom Institut für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Zürich und Kollegen (siehe Swiss Medical Weekly, online seit 10.1.2022).

Bakterien der Art Chlamydia psittaci befallen mehr als 460 freilebende oder domestizierte Vogelarten. Bisher wurden 15 Genotypen identifiziert, die als leicht auf den Menschen übertragbar gelten. Das tierische Reservoir der Bakterienart Chlamydia abortus sind dagegen Schafe und Ziegen. Bei Muttertieren verursachen diese Erreger Fehl- und Totgeburten und schwächen die Jungtiere.

Für den Menschen können beide Erreger gefährlich werden: Sie verursachen Fieber und Atemwegsbeschwerden bis hin zur lebensbedrohlichen Lungenentzündung (Pneumonie). C. abortus kann zudem bei Schwangeren Fehlgeburten auslösen. Problematisch sind die Infektionen bei Menschen vor allem deshalb, weil häufig nicht oder erst spät an eine Zoonose gedacht wird, warnt Dr. Imkamp.

Um das Bewusstsein für die Gefahr zu schärfen, schildert er zwei Fälle aus der Praxis. Ein 52-jähriger Mann stellte sich mit Fieber und trockenem Husten beim Hausarzt vor. Trotz breit aufgestellter antibiotischer Therapie bei pneumonischen Infiltraten in der CT-Bildgebung entwickelte er innerhalb kürzester Zeit einen nicht wieder herstellbaren Lungenfunktionsverlust (respiratorische Dekompensation) sowie einen septischen Schock. Erst auf Intensiv erfuhren die behandelnden Ärzte von der Ehefrau des Patienten, dass ihr Mann Vögel züchtete: Er hielt mehr als 100 Papageien sowie zahlreiche Hühner und Wachteln. In der Lungenspülflüssigkeit (nach bronchioalveolärer Lavage) konnte dann tatsächlich C. psittaci nachgewiesen werden, die Serologie untermauerte den Infektionsverdacht. Trotz weiterer Eskalation der Antibiotikatherapie starb der Patient elf Tage nach Symptombeginn an einem Multiorganversagen mit Hirnblutung. In bakteriologischen Abstrichproben seiner Zuchtvögel wiesen die eingeschalteten Veterinäre ebenfalls C. psittaci nach.

Im zweiten Fall handelt es sich um eine 34-jährige Schwangere, die sich in der 25. Schwangerschaftswoche mit seit Tagen bestehendem Fieber, trockenem Husten, Kopfschmerzen und Schwäche in der Klinik vorstellte. Die klinisch und mittels Bildgebung diagnostizierte Pneumonie sprach gut auf Antibiotika an. Im Rachenabstrich wurde C. abortus nachgewiesen. Retrospektiv zeigte sich, dass die Patientin auf ihrem Hof 30 Schafe und mehrere Ziegen hielt. Einige Monate zuvor hatten Muttertiere, die nicht gegen C. abortus geimpft waren, Fehlgeburten erlitten und waren von der Patientin versorgt worden. Die Ärzte gehen von einer Ansteckung über AerosoleAerosole
Aerosole sind Mischungen von festen oder flüssigen Partikeln in einem Gasgemisch wie der Luft. Die winzigen Teilchen können längere Zeit darin schweben.
aus.

Infektionen mit Zoonoseerregern stellen eine wichtige Differenzialdiagnose bei atypischen Pneumonien dar, so Dr. Imkamp. Bei der Erhebung der Eigen- bzw. Fremdanamnese muss daher immer nach dem Kontakt mit Säugetieren, Vögeln und Reptilien gefragt werden. Diagnose und Therapie erfordern nicht selten eine enge Zusammenarbeit zwischen Humanmedizinern, Veterinären und Mikrobiologen.

Quelle: Medical Tribune am 10.3.2022