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01.02.2019

Helfen Probiotika bei chronischen Atemwegserkrankungen?

Nicht nur Magen-Darm-Krankheiten, sondern auch chronische Lungenleiden gehen mit Veränderungen der Mikrobiota und Dysbalancen der Flora einher. Probiotika könnten die Therapie möglicherweise unterstützen.

Foto: Goethe Universität, Frankfurt

Ein intaktes Mikrobiom fördert bekanntermaßen die Gesundheit. Es schaltet schädliche Keime aus, indem es die lokale und systemische Immunantwort moduliert und die Funktion der Epithelbarriere in der obersten Zellschicht stärkt. Umgekehrt kann ein Ungleichgewicht der mikrobiellen Zusammensetzung viele ungünstige Folgen haben. Bei verschiedenen chronisch-entzündlichen Erkrankungen wie Asthma, M. Crohn und Colitis ulcerosa ließ sich bereits eine solche Dysbiose nachweisen, schreiben Katleen Martens von der Abteilung für Mikrobiologie und Immunologie der Katholischen Universität Leuven/Belgien und Kollegen in einer Übersichtsarbeit zur Effektivität von Probiotika bei chronischen Atemwegserkrankungen (siehe Allergy 2018, Band 73/10. Seite 1954-1963). Zugleich liegt bei diesen Erkrankungen eine Störung von Durch- und Undurchlässigkeit (Permeabilität und Epithelbarriere) vor. Ob die Dysbiose Ursache oder Folge dieser Störung ist, bleibt jedoch unklar.

Was die Atemwege anbelangt, wirken verschiedene Mikroorganismen wie Staphylococcus aureus, Streptococcus pneumoniae und Haemophilus influenzae pathogen, indem sie z. B. die Durchlässigkeit der Epithelbarriere in den Atemwegen erhöhen. Andere Keime wiederum wie Lactobacillus- und Bifidobakterium-Stämme fördern die Gesundheit, daher der Name „Probiotika“. Ihre günstigen Effekte hängen von verschiedenen Parametern ab, insbesondere von der Behandlungsdauer, vom Applikationsweg und vom verabreichten Bakterienstamm. Derzeit laufen viele klinische Untersuchungen zu ihrem Einfluss auf die Atemwege.

Nach Angaben von Martens und Kollegen wirken Probiotika folgendermaßen: Probiotische Bakterien verbessern die Funktion der Epithelbarriere über eine Modulation der interzellulären Verbindungen oder über eine Interaktion mit verschiedenen Rezeptoren auf der Epithelbarriere. Die Mikroorganismen beeinflussen auch lokale und systemische Immunantworten. Sie interagieren mit dendritischen Zellen zwischen den Epithelzellen oder in der unter der Schleimhaut befindlichen Schicht (Submukosa), was zur Aktivierung von regulatorischen T-Zellen führen kann. Zudem modulieren Probiotika die Th1- und Th2-Antwort und fördern so die Wiederherstellung des Immungleichgewichts. Die Th1-Antwort dient vor allem der Abwehr von Infektionen durch Viren und Bakterien, die Th2-Antwort richtet sich gegen parasitäre Infektionen wie etwa Würmer. Beide Arten der Immunreaktion unterdrücken sich gegenseitig: Wenn die Th1-Antwort stärker ausfällt, schwächt das die Th2-Antwort ab und umgekehrt.

In den meisten Studien werden die Probiotika oral in Form von Kapseln oder als Supplemente in Milchprodukten verabreicht; dann agieren sie vor allem über eine Modulation des Immunsystems im Darm. Die Autoren sind jedoch der Ansicht, dass eine lokale Anwendung (z.B. als Nasenspray) sowohl in den oberen als auch unteren Atemwegen zu spezifischeren Effekten und zu einer erfolgreicheren Behandlung führt. Darauf deuten tierexperimentelle Studien hin.

Zum Einsatz von Probiotika bei allergischem Schnupfen wie Heuschnupfen (allergischer Rhinitis) liegt eine Reihe von randomisierten, placebokontrollierten Studien vor. Diese zeigen zwar, dass die Mikroorganismen nasale Beschwerden wie verstopfte Nase, Juckreiz (Rhinorrhö) und die Lebensqualität bessern können, aber es fand sich bisher kein starker Beweis für eine fundierte präventive oder therapeutische Rolle der Zubereitungen. Allerdings wurde die nasale Applikation von Probiotika bei Heuschnupfen noch nicht geprüft – was einen Versuch wert sein könnte, denn im Tierversuch modulierten sie auf diesem Wege die Inflammation in den unteren Atemwegen.

Zum chronischen allergischen Schnupfen (chronische Rhinosinusiti) existieren weniger Untersuchungen als zum akuten. Fest steht aber, dass die Patienten in den Nasennebenhöhlen eine geringere Vielfalt von Bakterien aufweisen, wobei vor allem förderliche Laktobazillen fehlen. Derzeit gibt es erst eine placebokontrollierte Studie, in der chronische Patienten zwei Wochen lang ein Nasenspray mit Lactobacillus- und Bifidobakterium-Spezies erhielten. Sie vertrugen das Spray gut, aber es kam zu keiner signifikanten Symptomlinderung – was möglicherweise an der Auswahl der verabreichten Bakterienstämme lag.

Demgegenüber zeigen einige Untersuchungen mit Asthmatikern vielversprechende Ergebnisse. So ergab eine randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudie mit mild bis moderat betroffenen, allergischen (atopischen) Kindern, dass Lactobacillus gasseri die asthmatischen Beschweren linderte (Verbesserung des Asthma-Symptomscores und der Peak-Flow-Werte) und die Bildung von entzündungsfördernden Substanzen (proinflammatorischen Zytokinen) im Blut der Patienten abnahm.

Eine weitere Studie mit asthmatischen Kindern wies eine Besserung der Lungenfunktion und weniger häufigere Verschlechterungsschübe (Asthma-Exazerbationen) nach, wenn die Kinder über zwölf Wochen mit Lactobacillus-Stämmen und Bifidobacterium bifidum behandelt wurden. Bis sich sicher sagen lässt, ob eine nasale und/oder orale Behandlung der Atemwege mit Probiotika effizient genug ist, um das Lungenmikrobiom zu modulieren, dürfte aber noch einiges an Forschung erforderlich sein, so das Fazit der Autoren.

Quelle: Medical Tribune vom 20.10.2018