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25.07.2011

Geht von Agrarfabriken ein Gesundheitsrisiko aus?

Im Umkreis von agrarindustriellen Großställen mit Intensivtierhaltung in den Niederlanden wurden erhöhte Konzentrationen von FeinstaubFeinstaub
Feinstaub gilt als giftig und kostet nach Schätzungen der EU-Kommission jährlich zahlreichen  Europäern das Leben. Mit einer Größe von weniger als 10 µm können Feinstäube in der Luft schweben (sog. Schwebstäube) und vom Menschen eingeatmet werden, so dass die Feinstaubteilchen in die Lunge gelangen und über die Lungenbläschen (Alveolen) in den Körper übergehen können. So stoßen sie u.a. bis in die Leber vor.
 
 
, spezifischen Mikroorganismen und Endotoxinen gemessen. Für Anwohner könnte dies ein erhöhtes Risiko von Atemwegserkrankungen bedeuten, meint die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) unter Berufung auf die Ergebnisse einer Studie der Universität Utrecht im Auftrag der niederländischen Regierung.

Niederländischen Forschern zufolge sollen Anwohner intensiver Geflügel- und Schweine-Tierhaltungsanlagen erhöhten Konzentrationen von Feinstaub, spezifischen Mikroorganismen und Endotoxinen ausgesetzt sein und insofern ein erhöhtes Risiko von Atemwegserkrankungen tragen. Im Rahmen der anhaltenden Diskussion in Holland über den Stopp von Mega-Ställen („megastallen – nee!“) hatten staatliche Stellen und Institute der Universität Utrecht im Auftrag des Gesundheits- und des Agrarministeriums seit 2009 mögliche Effekte der Intensiv-Tierhaltung auf die Gesundheit von Anwohnern untersucht (siehe Mogelijke effecten von intensieve-veehouderij op de gezondheid von omwonenden, IRAS Universiteit Utrecht, NIVEL, RIVM, 7. juni 2011).

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) sieht sich durch die neuen holländischen Erkenntnisse in ihrer Forderung nach einem Genehmigungsstopp für agrarindustrielle Großställe auch in Deutschland bestätigt. Angesichts neuer und zunehmend resistenterresistenter
Bakterien können eine Resistenz gegen bestimmte Arzneistoffe entwickeln - das heißt, sie werden unempfindlich gegenüber diesen Medikamente. Die Medikamente, vor allem Antibiotika, sind nicht mehr gegen diese Bakterien wirksam.
Resistente Erreger entwickeln sich - insbesondere bei großen Erregermengen - entweder durch spontane Genveränderungen (Mutationen) oder durch selektive Vermehrung (Selektion) von natürlich vorkommenden resistenten Bakterien-Subpopulationen, z.B. aufgrund einer unzureichenden oder zu früh abgebrochenen Therapie.
Keime in der Massentierhaltung dürfe man die Emissionen aus agrarindustriellen Großställen nicht länger auf die leichte Schulter nehmen. Nur eine standort-angepasste, artgerechte Tierhaltung in mittelständisch-bäuerlichen Strukturen sei für Anwohner und Umwelt verträglich.

Bei ihrer Literatur-Recherche haben die Wissenschaftler deutliche Hinweise gefunden auf eine höhere Belastung der Luft in der Nähe von Geflügel- und Schweineställen durch Feinstaub, Endotoxine, Mikroorganismen, Coli-Keime und multiresistente MRSA-Bakterien. Eine deutsche Studie habe bei Anwohnern von Intensiv-Tierhaltungen zudem eine verringerte LungenfunktionLungenfunktion
gefunden. Zusätzlich werteten die Forscher die Unterlagen von Hausärzten in niederländischen Intensiv-Tierhaltungsregionen (Nordbrabant und Limburg) und Befragungsergebnisse von dortigen Patienten aus und verglichen die Ergebnisse mit Kontrollgruppen außerhalb dieser Regionen. Außerdem wurde die Luft in 500 bis 1.000 Meter Entfernung rund um die Ställe beprobt. Im Ergebnis wurden deutlich höhere Konzentrationen von Feinstaub in der Nähe von Intensivtierhaltungen von Geflügel, Schweinen und auch Ziegen festgestellt, ebenso erhöhte Werte von Endotoxinen und von viehspezifischen MRSA-Bakterien in einem Radius von 1.000 Metern. Vor allem in der Nähe von Geflügelställen könnten diese Endotoxine laut Studie zu Beeinträchtigungen der Atmungsorgane führen.

Zwar fiel die generelle Zahl von Erkrankungen in Intensivtierhaltungs- gegenüber Vergleichsregionen kaum unterschiedlich aus. Allerdings beobachteten die Hausärzte in den viehdichten Regionen und rund um die Ställe häufiger Fälle von Lungenentzündung, Q-Fieber und Neurodermitis (atopischem EkzemEkzem
Auch Dermatitis genannt. Hierunter versteht man eine juckende, schuppende und teils nässende entzündliche Hautveränderung.
) bei Kindern - dagegen weniger oft Stirnhöhlenentzündungen oder Bronchitis. In direkter Nähe von Ställen fand man übrigens auch eine geringere Zahl von Asthma-Erkrankungen, was die Hygiene-Hypothese und neueste Erkenntnisse über die Ursachen von Asthma (wir berichteten) zu bestätigen scheint. Betrachtete man jedoch gezielt solche Anwohner, die bereits an chronischen Lungenkrankheiten (wie Asthma bzw. COPD) litten, dann erkrankten diese in viehdichten Regionen häufiger an Infektionen als vergleichbare chronisch Kranke außerhalb dieser Regionen. Im Umkreis von Tierhaltungsanlagen sei demnach das Risiko von gesundheitlichen Komplikationen für Patienten mit Asthma oder COPD möglicherweise erhöht. Konkrete Angaben über gesundheits-unschädliche Mindestabstände oder unbedenkliche Maximalkonzentrationen seien nach Einschätzung der niederländischen Experten bisher allerdings nicht möglich, dazu wären weitere Untersuchungen erforderlich.

Deshalb fordern die Wissenschaftler in ihren Empfehlungen u.a.:

  • zielgerichtete Studien über die Konzentrationen von Endotoxinen und Mikroorganismen in der Nähe von Geflügel- und Schweinebetrieben,
  • die Erstellung von Beurteilungskriterien über den Zusammenhang zwischen dem Vorkommen dieser Keime und deren Gesundheitseffekte,
  • nähere Untersuchungen über die Komplikationen von Menschen, die bereits an Asthma und COPD erkrankt sind,
  • genauere Untersuchungen über Lungenentzündungen in der Nähe von Ziegen- und Geflügel-Intensivbetrieben sowie
  • die Schaffung eines Registrier- und Auswertungsnetzes für Symptome und Erkrankungen von Menschen und Tieren.