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18.11.2008

Frei durchatmen - für viele Menschen nur ein Traum!

Der heutige Welt-COPD-Tag 2008 am 19.11. gibt Anlass, besonders ausführlich auf die Erkrankungen COPD und Lungenemphysem hinzuweisen. Prof Dr. Susanne Lang, Chefärztin der 2. Medizinischen Klinik am SRH Waldklinikum in Gera, und Jens Lingemann, Koordinator der Selbsthilfegruppen Lungenemphysem-COPD Deutschland, erläutern, warum frei Durchatmen für viele COPD-Patienten leider nur ein Traum ist - und was Betroffene dagegen tun können.

Lungenerkrankungen wie die COPD (chronisch obstruktive Bronchitis mit oder ohne Lungenemphysem), im Volksmund oft auch als Blählunge oder Raucherlunge bezeichnet, sind global auf dem Vormarsch. Allein in Deutschland sind derzeit rund 5 Millionen, in Österreich ca. 1 Million und in der Schweiz mehr als 350.000 Menschen an COPD erkrankt; und ihre Zahl steigt beängstigend von Tag zu Tag weiter an. Man spricht bereits heute von einer der „am meisten unterschätzten Volkskrankheiten“.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO aus dem Jahr 2004, ist die COPD derzeit weltweit die vierthäufigste Todesursache. Die Anzahl der Betroffenen wird in Deutschland auf 4 bis 7 Prozent der Bevölkerung geschätzt – das entspricht rund 4 bis 5 Millionen Bundesbürgern. Man schätzt, dass die COPD im Jahr 2020 vom siebten Platz (2002) auf den dritten Platz der Todesursachen vorrücken wird – also gleich hinter SchlaganfallSchlaganfall
Schlaganfälle ereignen sich gehäuft während des Blutdrucktiefs gegen 3 Uhr nachts (midnight stroke) oder während des zweiten Blutdrucktiefs am Nachmittag. Die Krankheitsanzeichen setzen meist plötzlich ein und hängen vom Ort des Infarktes ab. Erste Anzeichen können heftige Kopfschmerzen, ausgeprägte Bewusstseinstrübung bis hin zu Bewusstlosigkeit sein. Es entwickelt sich eine meist im Arm- und Gesichtsbereich betonte einseitige Lähmung. Zunächst ist die gelähmte Seite erschlafft (im Gesicht z.B. als hängender Mundwinkel und Aufblähung der Wange auf der gelähmten Seite beim Ausatmen = "Tabakblasen"), später können auch unkontrollierte Zuckungen hinzu kommen. Eine Hirndurchblutungsstörung ist entweder Folge eines thrombotischen oder embolischen Gefäßverschlusses (ischämischer Hirninfarkt) oder eines spontanen Gefäßrisses mit nachfolgender Einblutung (hämorraghischer Hirninfarkt).
Ischämischer Schlaganfall: Hirninfarkt, der durch eine Blutstauung aufgrund verstopfter Gefäße verursacht wird und deshalb zu einer Unterversorgung der Hirnzellen mit Sauerstoff führt. Ein ischämischer Hirninfarkt auf Grund von Minderdurchblutung eines Endarterienareals bei plötzlichem Gefäßverschluss der Arterie ist mit 80-85% die häufigste Ursache eines Schlaganfalls. 
Hämorraghischer Schlaganfall: Verkalkte Blutgefäße im Gehirn brechen auf, was zu Gehirnblutungen führt. Dabei wird die Blutzufuhr und damit Sauerstoffversorgung der betroffenen Gehirnzellen unterbrochen bzw. abgebrochen und sie sterben ab.
 
 
und Herzerkrankungen. Eine Ursache hierfür ist das immer geringere Einstiegsalter beim Nikotinmissbrauch. Nur etwa 8000 der betroffenen Emphysemerkrankten weisen einen angeborenen schweren Proteinaseinhibitormangel (Alpha 1 Antitrypsin) auf. Die Hauptursache für die COPD und das Emphysem - beides irreversible Erkran¬kungen -ist und bleibt das Rauchen.

Grund genug zu versuchen, etwas zur Aufklärung beizutragen und insbesondere denen zu helfen, die bereits mit einem dieser Krankheitsbilder leben. Während viele chronische Krankheiten durch die Fortschritte der Medizin heute schon früh erkannt und behandelt werden können, wird COPD häufig auf die leichte Schulter genommen und erst spät einer fachärztlichen Behandlung zugeführt. Das Wissen über diese Volkskrankheit – das heißt über Ursachen, Verlauf, Diagnosestellung und Behandlung - ist sowohl bei den Patienten als auch bei Risikopersonen (Rauchern, Menschen mit familiärer Belastung) nicht sehr groß. Häufig sind Arzt und Patient der Meinung, dass Frühsymptome wie Husten und Auswurf beim Raucher „einfach dazugehören“. Der so genannte AHA Effekt – Auswurf, Husten plus Atemnot – zeigt dann allerdings ein Stadium der Erkrankung an, in dem schon viele funktionelle Defizite bestehen.

Die COPD ist durch eine Enge der Atemwege charakterisiert, die durch die chronische Bronchitis und den Verlust an Lungengewebe (Zerstörung der Lungenbläschen, Lungenemphysem) bedingt ist. Anders als bei Asthma kommt es nicht zu typischen Atemnotanfällen, z.B. während der Allergiesaison, sondern zu einem Fortschreiten der Krankheit mit zunehmender Atemnot, Husten und Auswurf. Auslöser ist neben häufigen Infekten meist das Zigarettenrauchen, es können aber auch Nichtraucher betroffen sein. Als Risikofaktoren werden in solchen Fällen die genetische Veranlagung, Störungen des Lungenwachstums, berufsbedingte Belastungen durch Stäube, die allgemeine Luftverschmutzung sowie häufige Atemwegsinfektionen in der Kindheit angesehen.

Viele Patienten berichten, dass sie im Laufe ihrer „Krankheitskarriere“ damit begonnen hatten zunächst keinen Sport mehr zu treiben, dann sei Trainingsmangel hinzugekommen und erst bei Einschränkungen im täglichen Leben (z.B. Treppensteigen) hätten sie den Ernst der Lage verstanden.

Eine COPD kann nicht geheilt werden, deshalb muss in jedem Krankheitsstadium versucht werden, das Fortschreiten der Krankheit zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen. Sobald die Diagnose feststeht, wird mit einer auf das jeweilige Stadium der Krankheit abgestimmten medikamentösen Therapie begonnen.

Als wichtige Säulen der Therapie werden neben den Medikamenten ein angepasstes körperliches Training, Schulung, Atemphysiotherapie, Ernährung und Hilfsmittel angesehen. Körperliches Training führt bei COPD-Patienten zur Verbesserung der Lebensqualität und Belastbarkeit und zur Verringerung der Exazerbationsrate und sollte daher Teil der Langzeittherapie sein. Sinnvoll erscheint insbesondere die Kombination der Ernährungstherapie mit körperlichem Training, z. B. im Rahmen eines Rehabilitationsprogrammes.

Jeder Patient mit COPD sollte außerdem Zugang zu einem spezifischen Schulungsprogramm erhalten. In den letzten Jahren hat man erkannt, wie wichtig Aufklärung und Schulung von Patienten sind. Letztlich kann nur ein geschulter Patient zum Experten seiner Krankheit werden und rechtzeitig bei Problemen eingreifen.

Hauptziele der Atemphysiotherapie sind eine Erleichterung der erschwerten Atmung in Ruhe und unter Belastung sowie eine Verbesserung der Hustentechnik. Dazu gehören Selbsthilfetechniken bei Atemnot - vor allem die „atemerleichternden Körperstellungen“ (wie z. B. der Kutschersitz) und die „dosierte Lippenbremse“, aber auch Geh- und Treppensteig-Training, Hustentechniken und die Anwendung von Hilfsmitteln (Cornet, Flutter, PEP-Maske), um das Abhusten zu erleichtern.

Nur sehr eingeschränkte medikamentöse Möglichkeiten der Behandlung bestehen für das Lungenemphysem. Bei dieser chronischen Atemwegserkrankung hat ein Umbau der Lungenbläschen zu größeren Blasen stattgefunden. Als Folge dieser Veränderung ist die Lungenoberfläche kleiner geworden, an welcher der Gasaustausch zwischen Sauerstoff und Kohlendioxid und die Aufnahme des Sauerstoffes ins Blut erfolgt. Durch die veränderten Lungenbläschen ist auch eine Art Barriere für den Austausch des Sauerstoffs entstanden (Diffusionsstörung), die man bei der Lungenfunktionsprüfung (Spirometrie) messen kann. Bei gesteigertem Sauerstoffbedarf unter körperlicher Belastung kann so nicht mehr genug Sauerstoff an die Muskulatur geliefert werden und es kommt zu Atemnot. Je nachdem, welches Ausmaß ein Lungenemphysem hat, kann die Atemnot auch schon bei leichter körperlicher Belastung oder in Ruhestellung auftreten. Häufig hilft dann nur noch eine Langzeit-Sauerstofftherapie, um den Sauerstoffmangel auszugleichen.

Man sollte nie vergessen, dass das wirksamste Prinzip zur Behandlung der COPD und des Lungenemphysems der Verzicht auf das Rauchen ist! Doch der erhobene Zeigefinger nützt hier wenig, um Nichtraucher zu werden. Vielmehr muss der Motivationshebel quasi mit einem Klick umgelegt werden - dazu gehört in erster Linie der eigene, entschlossene Wille, der dann durch verschiedene Methoden der Entwöhnung zusätzliche Unterstützung erhalten kann.

Die Behandlung einer COPD oder eines Lungenemphysems kann auf Dauer nur erfolgreich sein, wenn es zu einer regelmäßigen und vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen Arzt und Patient kommt. Dazu gehört für den Patienten – nachdem er einen aus seiner Sicht kompetenten Arzt gefunden hat – die Bereitschaft, eine Mitverantwortung für den Erfolg seiner Behandlung zu übernehmen. Um das tatkräftig umzusetzen, benötigt der Patient ein Basiswissen über die Art, den Schweregrad und die derzeit verfügbaren Therapiemöglichkeiten bei COPD - und spätestens hier sollten die Selbsthilfegruppen genannt werden.

Aufklärung tut not. Wer könnte das besser als Patientenorganisationen? Sie werden jeden Tag von uninformierten Betroffenen angerufen, die häufig nach der Diagnose ihres Arztes - „Sie haben COPD!“ - hilflos und Rat suchend sind, weil ihnen niemand gesagt hat, dass sie eine schwere Erkrankung haben und sie nicht wissen, wie sie mit dieser Krankheit umgehen sollen. Eine dieser Organisationen ist die seit 7 Jahren bestehende Selbsthilfegruppe Lungenemphysem-COPD Deutschland (www.lungenemphysem-copd.de), die Betroffenen und deren Angehörigen die Möglichkeit gibt, sich in regionalen Gruppen zu informieren und auszutauschen. Außerdem betreibt die Gruppe eine Mailingliste, auf der sich alle Betroffenen aber auch deren Angehörige per E-Mailkontakt austauschen können. Dies ist für viele Patienten umso wichtiger, da es in vielen Gegenden Deutschlands und den Nachbarländern keine regional tätigen Selbsthilfegruppen gibt.

Autoren: Prof Dr. Susanne Lang, Chefärztin der 2. Medizinischen Klinik am SRH Waldklinikum in Gera, und Jens Lingemann, Koordinator der Selbsthilfegruppen Lungenemphysem-COPD Deutschland.