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08.02.2021

Ein niedrigerer Sauerstoffzielwert wirkt sich nicht auf die Sterblichkeit aus

Neue Erkenntnisse zur Behandlung mit Sauerstoff in der Intensivmedizin ergeben sich aus einer aktuellen, multinationalen Studie unter Schweizer Leitung.

Die Überlebensrate von kritisch kranken Patienten, die eine akute Einschränkung der Lungenfunktion (Hypoxämie) aufweisen, wurde jetzt in einer großangelegten multinationalen Studie unter der Leitung des Universitätsspitals Aalborg untersucht durch den Vergleich einer Gruppe mit niedrigerem und einer mit höherem Sauerstoffzielwert. Entgegen der ursprünglichen Annahme war die Sterberate nach 90 Tagen in beiden Gruppen vergleichbar. Ein tieferer Sauerstoffzielwert wirkt sich somit nicht auf die Sterblichkeit aus – weder erhöhend noch erniedrigend. (siehe The New England Journal of Medicine, Online-Veröffentlichung am 20.1.2021).

Kritisch kranke Patientinnen und Patienten mit Funktionsstörungen der Lunge werden auf Intensivstationen häufig mit Sauerstoff behandelt. Sauerstoff, eines der ältesten und meist gebrauchten Medikamente, wird hierbei leider noch zu oft mittels maschineller Beatmung zugeführt, wobei ein bestimmter Sauerstoffpartialdruck (Sauerstoffzielwert) im Blut angestrebt wird. Weltweit werden auf Intensivstationen jedoch unterschiedliche Strategien mit entweder höherem oder niedrigerem Sauerstoffpartialdruck eingesetzt. In der intensivmedizinischen Praxis und in der wissenschaftlichen Literatur blieb der jeweilige Nutzen bzw. das Risiko entsprechender Strategien bislang unklar.

Die Ergebnisse der aktuellen Studie (HOT-ICU) zeigen nun keinen Unterschied in der 90-Tage-Sterblichkeit, wenn schwerkranke Patienten in der Gruppe mit höherem (n = 1447,90 mmHg arteriellem Sauerstoffpartialdruck) und niedrigerem Zielwert (n = 1441,60 mmHg arteriellem Sauerstoffpartialdruck) miteinander verglichen werden. Ein tieferer Sauerstoffzielwert erniedrigt somit nicht - wie zuvor angenommen - die Sterblichkeit nach 90 Tagen. Ebenso wurde für die Kriterien „Anteil Tage ohne lebenserhaltende Maßnahmen“ und „Anteil Tage ohne Hospitalisierung“ kein signifikanter Unterschied festgestellt.

Die multinationale Studie wurde von einem Wissenschaftsteam unter der Leitung des Universitätsspitals Aalborg an 35 intensivmedizinischen Zentren in Dänemark, Finnland, den Niederlanden, Norwegen, Großbritannien, Island und der durchgeführt. Sie schloss 2928 erwachsene, schwerkranke Patienten mit einem Sauerstoffbedarf von mindestens 10 Litern pro Minute oder einem eingeatmeten Sauerstoffanteil von 50% ein. Die Zuteilung zu den beiden Behandlungsgruppen (90 mmHg oder 60 mmHg arterieller Sauerstoffpartialdruck) erfolgte zufällig. Der primäre Endpunkt der Studie war die Sterblichkeitsrate nach 90 Tagen. Die Anzahl der Tage ohne (notwendige) lebenserhaltende Maßnahmen, die Anzahl der Tage ohne Hospitalisierung und das Verhältnis der Patienten mit Schock, Herzinfarkt, SchlaganfallSchlaganfall
Schlaganfälle ereignen sich gehäuft während des Blutdrucktiefs gegen 3 Uhr nachts (midnight stroke) oder während des zweiten Blutdrucktiefs am Nachmittag. Die Krankheitsanzeichen setzen meist plötzlich ein und hängen vom Ort des Infarktes ab. Erste Anzeichen können heftige Kopfschmerzen, ausgeprägte Bewusstseinstrübung bis hin zu Bewusstlosigkeit sein. Es entwickelt sich eine meist im Arm- und Gesichtsbereich betonte einseitige Lähmung. Zunächst ist die gelähmte Seite erschlafft (im Gesicht z.B. als hängender Mundwinkel und Aufblähung der Wange auf der gelähmten Seite beim Ausatmen = "Tabakblasen"), später können auch unkontrollierte Zuckungen hinzu kommen. Eine Hirndurchblutungsstörung ist entweder Folge eines thrombotischen oder embolischen Gefäßverschlusses (ischämischer Hirninfarkt) oder eines spontanen Gefäßrisses mit nachfolgender Einblutung (hämorraghischer Hirninfarkt).
Ischämischer Schlaganfall: Hirninfarkt, der durch eine Blutstauung aufgrund verstopfter Gefäße verursacht wird und deshalb zu einer Unterversorgung der Hirnzellen mit Sauerstoff führt. Ein ischämischer Hirninfarkt auf Grund von Minderdurchblutung eines Endarterienareals bei plötzlichem Gefäßverschluss der Arterie ist mit 80-85% die häufigste Ursache eines Schlaganfalls. 
Hämorraghischer Schlaganfall: Verkalkte Blutgefäße im Gehirn brechen auf, was zu Gehirnblutungen führt. Dabei wird die Blutzufuhr und damit Sauerstoffversorgung der betroffenen Gehirnzellen unterbrochen bzw. abgebrochen und sie sterben ab.
 
 
und Magen-Darm-Durchblutungsstörungen wurden ebenfalls dokumentiert.

Nachdem in den vergangenen Jahren intensive Diskussionen zur Strategie der anzustrebenden Sauerstoffzielwerte bei kritisch kranken Patienten geführt wurden und sich Argumente für und wider beide Vorgehensweisen finden ließen, scheinen die aktuellen Studienergebnisse eine konservative Sauerstoffgabe mit niedrigerem Sauerstoffzielwert bei erwachsenen, kritisch kranken Patienten zu unterstützen.

„Die Studienergebnisse zu dieser alltäglichen intensivmedizinischen Frage sind wichtig, da sie zu einem besseren Verständnis der Auswirkungen entsprechender Strategien beitragen. Sie zeigen, dass die konservative Strategie nicht mit einer niedrigeren Sterblichkeitsrate assoziiert ist. Wir erwarten, dass unsere Daten die internationalen Empfehlungen bezüglich anzustrebender Sauerstoffzielwerte bei erwachsenen, kritisch kranken Patienten mit Notwendigkeit der Sauerstoffzufuhr beeinflussen“, erläutert Prof. Dr. med. Joerg C. Schefold, Chefarzt der Universitätsklinik für Intensivmedizin am Inselspital, Universitätsspital Bern und Mitglied des Wissenschaftsteams.

Quelle: Universitätsspital Bern