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12.12.2013

Ein Coronavirus bereitet Wissenschaftlern Sorgen

Das Coronavirus Mers - offiziell auch Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus (Mers-Cov) genannt, das vor allem im Mittleren Osten auftritt, bereitet Gesundheitsexperten große Sorgen. Dutzende Menschen sind bereits daran gestorben. An einem Impfstoff wird gearbeitet, aber das dauert seine Zeit.

„Das ist eine Gefahr für die ganze Welt.“ Deutlicher konnte die Warnung kaum ausfallen, mit der sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Frühjahr dieses Jahres an die Öffentlichkeit richtete. „Keine neue Krankheit ist unter Kontrolle, die sich rascher entwickelt als unser Verständnis davon“, mahnte die WHO-Generaldirektorin Margaret Chan in Genf weiter. Die Warnung der UN-Behörde bezog sich auf das Mers-Virus - offiziell auch Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus (Mers-Cov) genannt.

Mers ähnelt dem Sars-Erreger, der vor zehn Jahren eine PandemiePandemie
Unter einer Pandemie versteht man eine sich weit verbreitende und dabei ganze Länder oder Kontinente erfassende Krankheit.
Vermischen sich beispielsweise die Erbinformationen von zwei verschiedenen Influenza-Viren in einem Zwischenwirt (z.B. Schwein), tritt ein neuer Virus-Typ mit noch unbekannten Eigenschaften auf. Dieser so genannte Subtyp kann sich schnell ausbreiten, da die Menschen gegen diesen Erreger weder über natürliche noch infolge einer Schutzimpfung aufgebaute Antikörper verfügen. Der jährliche Grippe-Impfschutz erfasst zwar neue Varianten des Influenza-Virus (d.h. leichteVeränderungen in der Oberflächenstruktur), aber keine komplett neuartigen Subtypen. Bricht eine Pandemie aus, muss daher schnell ein Impfstoff gegen den neuen Subtyp entwickelt werden und/oder ein antiviral wirksames Medikament flächendeckend eingesetzt werden.
auslöste. Weltweit starben damals etwa 800 Menschen. Ähnlich wie Sars befällt das neue Virus die Lunge. Und ähnlich wie bei der Sars-Krankheitswelle gibt es unter Forschern und in Gesundheitsbehörden seit dem Mers-Ausbruch viele Fragen und Sorgen.

„Wir wissen nicht, ob das Virus so bleibt wie es ist. Das ist das große Problem“, sagt etwa Christian Drosten vom Institut für Virologie des Universitätsklinikums Bonn. Der Professor konnte gemeinsam mit Kollegen vor zehn Jahren das Sars-Virus identifizieren. Nun forscht er mit seinen Mitarbeitern seit mehreren Monaten an Mers.

Coronaviren seien in der Lage, sich schnell zu verändern (zu mutieren), erklärt der Virologe. „Die meisten mutieren so, dass sie eine verbesserte Übertragungsfähigkeit gewinnen.“ Mehrere Szenarien seien hier denkbar - im schlimmsten Fall verändere sich der Mers-Erreger so, dass er sich rapide vermehren kann. Das hätte unberechenbare Folgen.

Doch wann kann es überhaupt zu gefürchteten Mutationen kommen? „Das Virus tut es, wenn man ihm Gelegenheit dazu gibt“, sagt Drosten. „Je länger es unkontrolliert, unbewacht und frei in der Menschheit zirkuliert, hat es Zeit zu experimentieren.“

Mers hatte schon einige Monate Zeit für Experimente. Die ersten Infektionen wurden 2012 an die WHO gemeldet. Seitdem gibt die UN-Organisation immer wieder neue Erkrankungs- und Todesfälle bekannt: manchmal im Abstand von Wochen, manchmal von wenigen Tagen.
Typischerweise leiden die Patienten zunächst an grippeähnlichen Symptomen wie Husten, Fieber, Muskel- und Gelenkschmerzen. Das Virus kann aber auch zu einer schweren Lungenentzündung führen. Mindestens ein Drittel der Patienten leidet an Magen-Darm-Beschwerden.

Die meisten Infektionen wurden von der arabischen Halbinsel gemeldet. Alle anderen Fälle - etwa in Frankreich, Großbritannien oder Italien - stehen im Zusammenhang mit dem Mittleren Osten, vor allem Erkrankungen nach Reisen. Insgesamt wurden bereits weit über 150 Mers-Infektionen registriert, fast jeder zweite Patient starb.

Drosten glaubt, dass diese Zahlen nur die Spitze des Eisbergs sind. „Statistiken schleichen einem Ereignis immer hinterher. Wir haben hier eine Fallstatistik, bei der wir uns eigentlich sicher sein können, dass sie nicht up to date ist.“

Mit dieser Annahme steht der Virologe nicht alleine da. So widmete sich etwa eine Arbeitsgruppe um Neil Ferguson vom Imperial College London der Frage, wie viele Mers-Infektionen es tatsächlich bislang gab. Die Forscher nehmen - auf der Basis von Berechnungen - an, dass bis zum August 2013 mindestens 62 Prozent der symptomatischen Fälle bei Menschen im Mittleren Osten unentdeckt geblieben sind.

Dass Mers von Mensch zu Mensch übertragen werden kann, weiß man heute durch verschiedene Berichte. Einige Betroffene steckten sich etwa im Krankenhaus, andere am Arbeitsplatz an. Der Beantwortung der Frage, wie das Virus überhaupt zum Menschen gekommen ist, kommen die Wissenschaftler indes erst langsam immer näher.

Coronaviren können sowohl in Vögeln als auch in Säugetieren vorkommen. Mehr und mehr Studien weisen darauf hin, dass Mers seinen Ursprung in Fledermäusen hat. Außerdem legen Untersuchungen nahe, dass das Virus von diesem Reservoir über den Zwischenwirt Kamel auf den Menschen gesprungen ist. Offen bleibe, ob der Erreger andauernd von einem Tier komme oder kontinuierlich von Mensch zu Mensch springe, sagt der Virologe Drosten. „Erst wenn das geklärt ist, können wir wirklich Entscheidungen treffen.“

Das Spektrum dieser zukünftigen Entscheidungen sei groß. Es reiche von Nichtstun - falls das Virus nicht mutiert und relativ harmlos bleibt - über Reiseauflagen und Impfungen für Menschen - falls das Virus aggressiv von Mensch zu Mensch übertragen wird - bis hin zu Impfungen für Tiere, falls das Virus ständig von Kamelen auf den Menschen springt.
Ein möglicher Lebendimpfstoff gegen Mers wurde bereits an der Ludwig-Maximilians-Universität München hergestellt. Forscher testeten das Vakzin erfolgreich an Mäusen. Doch bis zum Einsatz beim Menschen ist es ein langer Weg. „So ein Impfstoff muss erst klinisch erprobt und dann offiziell zugelassen werden“, sagt Drosten. „Wenn das Vorgehen irgendwo beschleunigt werden muss, dann an dieser Stelle.“

Quelle: dpa