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28.09.2020

Die meisten sterben an Corona – nicht mit!

Experten von gleich drei Pathologieverbänden sind sich einig: Ein Großteil der obduzierten COVID-19-Patienten ist an den direkten Folgen der Erkrankung Covid-19 gestorben. Begleiterkrankungen spielten hingegen eine eher untergeordnete Rolle…

Ohne Obduktionen würde der medizinische Erkenntnisgewinn stagnieren. Darin stimmten zumindest die Vertreter des Bundesverbandes Deutscher Pathologen, der Deutschen Gesellschaft für Pathologie und der Deutschen Gesellschaft für Neuropathologie und Neuroanatomie überein. Besonders bei bislang noch weitgehend unbekannten Erkrankungen wie COVID-19 sei dieses „älteste und wichtigste Instrument“ unabdingbar, um neues Wissen zu erlangen, betont Professor Dr. Gustavo­ B. Baretton­ vom Institut für Pathologie der Medizinischen Fakultät an der TU Dresden.

Zusammen mit anderen führenden Kollegen stellte er die Ergebnisse von 154 Obduktionen vor, die in den vergangenen Monaten deutschlandweit an verstorbenen COVID-19-Patienten durchgeführt worden waren. Das Durchschnittsalter in der Kohorte lag bei 70 Jahren, zwei Drittel der Patienten waren männlich. Als häufige Begleiterkrankungen identifizierten die Pathologen kardiovaskuläre Erkrankungen (etwa 43 %), vorbestehende Lungenleiden (ca. 16 %) sowie Diabetes oder Adipositas (ca. 12 %). Bei 8 % war es zu komplizierten bakteriellen Infektionen gekommen.

Allerdings spielten Begleiterkrankungen den Experten zufolge eine eher untergeordnete Rolle. Viel interessanter war: Ein Großteil der Toten wies massive Schäden an den Blutgefäßen, eine ausgeprägte Thrombosierung (insbesondere in den feinsten Lungengefäßen) sowie eine spezielle Form der Gefäßneubildung auf.

Dass rund zwei Drittel der SARS-CoV-2-Infizierten über Geruchs- und/oder Geschmacksstörungen berichten, ließ Neuropathologen wie Professor Dr. Till­ Acker­ vom Universitätsklinikum Gießen-Marburg schnell daran denken, dass das SARS-CoV-2 auch das ZNS befällt. Weitere Berichte über neurologische Beschwerden wie Schwindel, Schwäche, Kopf- und Muskelschmerzen und SchlaganfälleSchlaganfälle
Schlaganfälle ereignen sich gehäuft während des Blutdrucktiefs gegen 3 Uhr nachts (midnight stroke) oder während des zweiten Blutdrucktiefs am Nachmittag. Die Krankheitsanzeichen setzen meist plötzlich ein und hängen vom Ort des Infarktes ab. Erste Anzeichen können heftige Kopfschmerzen, ausgeprägte Bewusstseinstrübung bis hin zu Bewusstlosigkeit sein. Es entwickelt sich eine meist im Arm- und Gesichtsbereich betonte einseitige Lähmung. Zunächst ist die gelähmte Seite erschlafft (im Gesicht z.B. als hängender Mundwinkel und Aufblähung der Wange auf der gelähmten Seite beim Ausatmen = "Tabakblasen"), später können auch unkontrollierte Zuckungen hinzu kommen. Eine Hirndurchblutungsstörung ist entweder Folge eines thrombotischen oder embolischen Gefäßverschlusses (ischämischer Hirninfarkt) oder eines spontanen Gefäßrisses mit nachfolgender Einblutung (hämorraghischer Hirninfarkt).
Ischämischer Schlaganfall: Hirninfarkt, der durch eine Blutstauung aufgrund verstopfter Gefäße verursacht wird und deshalb zu einer Unterversorgung der Hirnzellen mit Sauerstoff führt. Ein ischämischer Hirninfarkt auf Grund von Minderdurchblutung eines Endarterienareals bei plötzlichem Gefäßverschluss der Arterie ist mit 80-85% die häufigste Ursache eines Schlaganfalls. 
Hämorraghischer Schlaganfall: Verkalkte Blutgefäße im Gehirn brechen auf, was zu Gehirnblutungen führt. Dabei wird die Blutzufuhr und damit Sauerstoffversorgung der betroffenen Gehirnzellen unterbrochen bzw. abgebrochen und sie sterben ab.
 
 
erhärteten den Verdacht. In einer Obduktionsstudie konnte das Virus bei etwa jedem Dritten im Gehirn nachgewiesen werden (siehe The New England Journal of Medicine, Online-Veröffentlichung am 6.6.2020). Prof. Acker und seine Forscherkollegen untersuchen seitdem u.a., wie das Virus ins Gehirn gelangt und welche Schäden es dort anrichtet.

Durch Autopsien COVID-19-Verstorbener konnte gezeigt werden, dass SARS-CoV-2 wahrscheinlich über die neuro-mukosale Schicht ins ZNS eindringt. Eine entscheidende Rolle könnte dabei das Protein Neuropilin-1 (NRP1) spielen: Möglicherweise infiziert SARS-CoV-2 NRP1-positive Zellen im Riech­epithel, im Riechkolben sowie in den Endothelzellen kleiner und mittelgroßer Gefäße.

SARS-CoV-2 scheint die Fähigkeit zu besitzen, in Endothelzellen einzudringen und dort eine diffuse Entzündung hervorzurufen, die zum Zelltod führen kann (siehe The Lancet, Online-Veröffentlichung am 20.4.2020). „Damit verursacht es echte, nachweisbare Schäden“, so Prof. Baretton. Und diese versucht der Körper offenbar mit der komplexen und neuartigen Angiogenese zu korrigieren.

Die beobachteten Veränderungen beschränkten sich dabei nicht nur auf die Lunge, sondern zeigten sich in verschiedenen Organsystemen wie Leber und Herz. Damit grenzt sich COVID­-19 ganz klar von beispielsweise der Influenza ab, erklärte der Kollege.

Die Befunde im Detail: Aus 154 Obduktionen ergaben sich die folgenden COVID-19-typischen autoptischen Befunde (insgesamt 307 Nennungen):

·         diffuser Alveolarschaden mit oder ohne Bronchopneumonie (52%)

·         Thrombosen und Thromboembolien (19 %)

·         Mikrothromben (20 %)

·         Endothelialitis (9 %)

Aufgrund dieser spezifischen Befunde konnte die Erkrankung bei 82 % der Obduzierten als wesentliche bzw. alleinige Todesursache festgestellt werden. Diese Patienten starben nicht mit, sondern an ­COVID-19, so das Fazit von Prof. Dr. Johannes­ Friemann vom Institut für Pathologie der Universität Köln am Standort Lüdenscheid.

Quellen:

·         Medical Tribune vom 28.08.2020

·         Video-Pressekonferenz des Bundesverbandes Deutscher Pathologen, der Deutschen Gesellschaft für Pathologie und der Deutschen Gesellschaft für Neuropathologie und Neuroanatomie