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24.01.2022

Deshalb ist der Schutz vor einer Corona-Infektion für COPD-Patienten so wichtig

COPD plus hohes Alter plus COVIDCOVID
siehe "Was ist Covid?"
-19 - diese Kombination birgt ein erhöhtes Todesrisiko. Deshalb ist Prävention so wichtig, betont Prof. Heinrich Worth, Internist und Pneumologe in Fürth.

© Doc Rabe Media_Fotolia.com

Die Bedeutung der Prävention vor einer Infektion mit Coronaviren (SARS-CoV2-Viren) erläutert In einem Interview mit der Deutschen Ärztezeitung Prof. Heinrich Worth, Internist und Pneumologe in Fürth sowie ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für PneumologiePneumologie
Die Atemwegs- und Lungenheilkunde (Pneumologie) ist ein Teilgebiet der Inneren Medizin, das sich mit der Vorbeugung, Erkennung und fachärztlichen Behandlung von Krankheiten der Lunge, der Bronchien, des Mediastinums (Mittelfell) und der Pleura (Rippen- und Lungenfell) befasst.
und Beatmungsmedizin (DGP), Stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Atemwegsliga, Vorstandsvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Lungensport in Deutschland e.V.

Ärzte Zeitung:
Herr Professor Worth, COPD-Patienten gelten in dieser nunmehr vierten Welle der Coronapandemie als besonders gefährdet. Welche persönlichen Schutzmaßnahmen geben Sie Ihren Patientinnen und Patienten mit auf den Weg, abgesehen von der Corona-Impfung und dem Tragen von Masken?

Professor Heinrich Worth:
Wenn die Zahl der Infizierten hoch ist, sollten COPD-Patienten ihre Außenaktivitäten auf das Notwendige reduzieren und die bekannten Abstands- und Hygieneregeln beachten. Dazu gehört auch häufiges Händewaschen, besonders wenn sie mit ihren Enkeln zusammen sind, was erfahrungsgemäß eine große Rolle spielt. Zugleich empfehle ich ihnen, kommunikativ aktiv zu bleiben, sowohl mit ihren Freunden und Bekannten als auch mit den behandelnden Ärzten. Auch körperliche Bewegung bleibt wichtig und vor allen Dingen: Auf keinen Fall die Medikation weglassen!

Wie hat das in den vorangegangenen Infektionswellen funktioniert?

Wir haben erlebt, dass die Zahl der Patienten, die wegen Exazerbationen ärztliche Hilfe gesucht haben, in der COVID-Phase deutlich zurückgegangen ist. Die Vorsichtsmaßnahmen haben also gegriffen. Andere Maßnahmen gehen weiter: zum Beispiel der Lungenfunktionstest. Es muss aber nicht während einer PandemiePandemie
Unter einer Pandemie versteht man eine sich weit verbreitende und dabei ganze Länder oder Kontinente erfassende Krankheit.
Vermischen sich beispielsweise die Erbinformationen von zwei verschiedenen Influenza-Viren in einem Zwischenwirt (z.B. Schwein), tritt ein neuer Virus-Typ mit noch unbekannten Eigenschaften auf. Dieser so genannte Subtyp kann sich schnell ausbreiten, da die Menschen gegen diesen Erreger weder über natürliche noch infolge einer Schutzimpfung aufgebaute Antikörper verfügen. Der jährliche Grippe-Impfschutz erfasst zwar neue Varianten des Influenza-Virus (d.h. leichteVeränderungen in der Oberflächenstruktur), aber keine komplett neuartigen Subtypen. Bricht eine Pandemie aus, muss daher schnell ein Impfstoff gegen den neuen Subtyp entwickelt werden und/oder ein antiviral wirksames Medikament flächendeckend eingesetzt werden.
bei jeder Kontrolluntersuchung ein solcher Test vorgenommen werden, weil auch dabei ein gewisses Infektionsrisiko gegeben ist. Wir Ärzte sollten die Lungenfunktionsprüfung auf zu stellende Erstdiagnosen beschränken oder sie dann machen, wenn ein größerer Eingriff an der Lunge oder anderen Organen notwendig ist.

Stichwort „Exazerbation“: Wie lassen sich denn Symptome einer COPD-Exazerbation von Symptomen einer SARS-CoV-2-Infektion unterscheiden?

Manchmal gar nicht. Ein spezielles, aber nicht immer auftretendes Kennzeichen einer SARS-CoV-2-Infektion ist der Verlust des Geschmacks- und Geruchssinns. Das sehen wir bei COPD-Exazerbationen nicht. Im Zweifelsfall muss ein Test auf SARS-CoV-2 erfolgen.

Sollte man bei COPD-Patienten mit bekannter Neigung zu Exazerbationen eine verstärkte Exazerbationsprophylaxe betreiben?

In der ambulanten Versorgung in Deutschland sind Menschen mit häufigen Exazerbationen nicht häufig. Wir gehen bei leicht- bis mittelgradiger COPD von Exazerbationsraten von 0,3 Prozent pro Patient und Jahr aus. Diejenigen, die häufiger Exazerbationen haben, sollten zuallererst aufhören zu rauchen, wenn sie dies noch tun. Zu achten ist auf Influenza- und Pneumokokken-Impfschutz. Drittens ist eine strukturierte Schulung empfehlenswert, etwa mit dem COBRA-Programm. Das hilft den Patienten, beginnende Exazerbationen zu erkennen und selbstständig darauf zu reagieren, bevor sie schlimmer werden. Mit solchen Schulungen lässt sich die Exazerbationsrate mehr als halbieren! Gleichwohl gibt es Medikamente, die zur Dauerprävention hilfreich sind. Dazu gehören neben den BronchodilatatorenBronchodilatatoren
Diese Medikamente erweitern die Bronchien.
 
 
die inhalativen Kortikosteroide (ICS), die hier ihre Nische bei COPD haben. Geeignet ist zudem Cineol, zusätzlich zur gewohnten Therapie. Auch dafür konnten wir nachweisen, dass sich Exazerbationen reduzieren lassen.

Würde man vor dem Hintergrund der Pandemie eher zu inhalativen oder zu systemischen Kortikosteroiden greifen?

Auf systemische Kortikosteroide versuchen wir ja bei COPD so weit als möglich zu verzichten. Wohlgemerkt: Wir sprechen von der Prävention der Exazerbation! Im Falle einer Exazerbation erhalten Patienten mit mittelschwerer und schwerer Exazerbation für möglichst nicht mehr als fünf Tage systemische Kortikosteroide, das hat sich auch unter den Bedingungen der Corona-Pandemie nicht geändert.

Nun ist die überschießende Entzündungsreaktion bei COVID-19 offenbar ein wesentlicher Pathomechanismus, die mit Kortikosteroiden eingedämmt werden könnte...

„Könnte“ ist richtig formuliert, denn genau wissen wir das bis heute nicht. Wenn ein COPD-Patient zuvor ein ICS hatte, würde ich es weitergeben, auch wenn er an COVID-19 erkrankt ist. Ich würde es aber nicht wegen des Verdachts auf COVID-19 einsetzen. Die Indikation für ein systemisches Kortikoid hängt von der Schwere der Exazerbation ab. Unterm Strich würde ich vor dem Hintergrund der Pandemie bei COPD-Exazerbationen also nicht anders mit Kortikoiden umgehen als sonst auch.

Würden Sie unter dem Aspekt der Pandemie COPD-Patienten, die sich akut verschlechtern, eher als sonst üblich ins Krankenhaus einweisen?

Tatsache ist, dass die Zahl der COPD-Patienten mit Exazerbationen im Krankenhaus in der Pandemie stark zurückgegangen ist. Die Indikation zur stationären Behandlung sollte nach den bisherigen Empfehlungen dann erfolgen, wenn eine respiratorische Insuffizienz auftritt oder sich verstärkt hat.

Wie sieht die Therapie bei einem COPD-Patienten mit COVID-19 im Krankenhaus aus?

Das Problem besteht in der verstärkten respiratorischen Insuffizienz durch die SARS-CoV-2-bedingte Lungenentzündung. Diese Patienten sind erheblich gefährdet, sich rasch zu verschlechtern und es bedarf eines besonders guten Monitorings. Deshalb benötigen COPD-Patienten mit COVID-19 wohl vergleichsweise eher die intensivmedizinische Versorgung. Fortgeschrittenes Alter plus COPD plus COVID bedeuten ein hohes Mortalitätsrisiko. Deshalb ist die Prävention so wichtig!

Nun ist viel vom Long- und/oder Post-COVID-Syndrom die Rede. Muss man, gerade bei Patienten mit chronisch vorgeschädigter Lunge, nach überstandener COVID-Erkrankung von einer Viruspersistenz ausgehen?

Das kann ich nicht sagen. Ich betreue Patienten mit und ohne COPD, die COVID überstanden haben. Und auch ohne zusätzliche COPD leiden einige weiterhin an Müdigkeit, Abgeschlagenheit oder an neurologischen Symptomen wie Konzentrations- oder Wortfindungsstörungen. Interessanterweise ist ein symptomarmes Intervall nach überstandener Akuterkrankung zu beobachten: Es kann Wochen bis Monate dauern, dann treten plötzlich die sehr verschiedenen Symptome auf. Dafür haben wir noch keine guten Erklärungen.

Von anderen Viruserkrankungen kennt man ja ebenfalls langanhaltende Beschwerden. Lässt sich daraus etwas ableiten?

Es gibt schwere Pneumonien, die in einen gesteigerten fibrotischen Umbau der Lunge münden. Dem versucht man dann mit Medikamenten, die bei interstitiellen Lungenerkrankungen eingesetzt werden, zu begegnen. In Bezug auf COVID und COPD gibt es dazu bislang keine validen Daten. Generell mangelt es noch an systematischen Erkenntnissen zur langfristigen Behandlung von COPD-Patienten nach überstandener COVID-19-Erkrankung, ebenso wie bei primär gesunden COVID-Patienten.

Würden Sie einen COPD-Patienten, der eine COVID-Erkrankung überstanden hat, proaktiv in besonderer Weise überwachen?

Ich würde innerhalb der ersten vier Wochen nach dem Krankenhausaufenthalt eine Kontrolluntersuchung vornehmen. Die folgenden Untersuchungsintervalle hängen dann jeweils von den Befunden ab. Dazu gehört auch das Erfragen von Müdigkeit und Konzentrationsschwäche. Offensichtlich wird in der Post-COVID-Phase ein wesentlicher Teil der Beschwerden von der Hirnfunktion mitbestimmt. In solchen Fällen ist die Kooperation mit Kollegen anderer Fachrichtungen hilfreich.

Welche allgemeinen Empfehlungen für die Rückkehr in den Alltag lassen sich geben?

Leichte körperliche Bewegung ist zwar zu empfehlen, aber Überlastung sollte unbedingt vermieden werden: COPD-Patienten können in eine schwere respiratorische Insuffizienz hineingeraten. Und sie sind psychisch anfällig bis hin zu Myoklonien (d.h.: blitzartige Anspannung eines Muskels oder einer Muskelgruppe, die zu einem Zucken führt) und Panikattacken. Das habe ich sogar einmal während eines Lungenfunktionstests erlebt. Da sollte man wirklich vorsichtig sein. Gleichwohl wäre körperliche Inaktivität kontraproduktiv, weil dann weiter Muskulatur und Leistungsfähigkeit abgebaut werden.

In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, dass Lungensport in Lungensportgruppen auch ohne direkte Teilnahme vor Ort möglich ist, sodass man die Ansteckungsgefahr vermeidet. Die Arbeitsgemeinschaft Lungensport bietet einmal pro Woche an unterschiedlichen Wochentagen virtuelle Live-Trainingseinheiten an: Einfach auf der Homepage der Deutschen Atemwegsliga oder der Arbeitsgemeinschaft Lungensport auf den entsprechenden Link klicken. Hinterher gibt es die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Das ist für die Kommunikation wichtig, denn viele Patienten leiden unter der Isolation.

Lassen sich gegenüber den Patienten seriöse Prognosen über den weiteren Verlauf eines Post-COVID-Syndroms abgeben?

Leider nein. Man muss die Patienten vorsichtig darüber aufklären, dass die hiermit verbundenen Beschwerden nicht schnell verschwinden.

Darf ich Sie zum Schluss zu Ihren persönlichen Erkenntnissen aus der Pandemie als erfahrener Pneumologe und langjähriger Leiter einer großen Klinik fragen?

Meine Erfahrung ist, dass Schutzmaßnahmen wie Abstand zu halten, die Hygieneregeln zu beachten und die Maske zu tragen sehr ernst genommen werden sollten. Damit haben wir gute präventive Erfolge gesehen, und zwar nicht nur was SARS-CoV-2, sondern auch was andere Viruserkrankungen wie Influenza angeht. Wir können auf diese Weise COPD-Exazerbationen effektiv verhindern.

Vor allem der persönliche Kontakt mit fremden Personen sollte eingeschränkt werden. Gleichzeitig rate ich dazu, zum familiären Umfeld und Freunden regelmäßigen und häufigen Kontakt per Telefon und anderen Medien zu halten, weil sonst die Gefahr sozialer Isolation und Depression besteht. Die Lungenforschung ist in vielfältiger Hinsicht vorangekommen, einmal mit Blick auf die infektionsbedingte Inflammation (Entzündungsprozesse), zum Anderen was Pneumonietherapie (Behandlung der Lungenentzündung) und nicht-invasive Beatmung angeht. Sowohl in der Pharmakotherapie als auch in der Rehabilitation und Nachsorge ist pneumologische Expertise gefragt.

Quelle: Deutsche Ärztezeitung vom 17.11.2021