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28.09.2016

Darmflora von Neugeborenen bestimmt das spätere Allergierisiko

Das Risiko, innerhalb des ersten Lebensjahres eine Allergie zu entwickeln, ist dreimal höher, wenn in der Darmflora eines Neugeborenen bestimmte Bakterienarten fehlen und dafür mehr Pilzarten enthalten sind.

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Anhand einer Stuhlprobe aus der Windel eines Neugeborenen lässt sich in Zukunft wahrscheinlich vorhersagen, ob das Kind in vier Jahren eine Allergie oder allergisches Asthma entwickeln wird. Denn bestimmte Störungen der Darmflora im Neugeborenenalter erhöhen das Risiko für spätere Erkrankungen des atopischen Formenkreises. Das berichten US-Forscher um Susan Lynch und Christine Cole Johnson von der University of California in San Francisco und vom Henry Ford Health System in Detroit (siehe Nature Medicine, Online-Veröffentlichung am 12.9.16). Für die Studie wurden die Daten zu Stuhlproben von 298 Säuglingen analysiert, die im Rahmen der so genannten Wayne County Health, Environment, Allergy and Asthma Longitudinal Study (WHEALS) im Alter von einem Monat bis elf Monaten entnommen und tiefgefroren archiviert worden waren. Zugleich wurden Daten zur Entwicklung von allergischen Erkrankungen in den ersten vier Jahren dokumentiert.

Ergebnis: Eine bestimmte Zusammensetzung der Darmflora war mit einem besonders hohen Risiko für Allergien und allergisches Asthma verbunden: Enthielt die Darmflora im Vergleich zu derjenigen gesunder Kinder weniger Bakterienarten (wie Akkermansia, Bifidobacterium und Faecalibacterium) und dafür mehr Pilzarten (wie Candida und Rhodotorula) war das Risiko für das betroffene Kind dreimal höher, innerhalb des ersten Lebensjahres eine AtopieAtopie
Als Atopie bezeichnet man, die erblich bedingte Veranlagung eine Allergie wie Asthma, Heuschnupfen oder Neurodermitis (Atopische Dermatitis oder auch endogenes Ekzem) zu entwickeln. Das körpereigene Abwehrsystem reagiert übermäßig heftig auf eigentlich harmlose Stoffe in der Umwelt (Allergene). Der Begriff atopisch kommt aus dem Griechischen für ohne Ort, nicht zuzuordnen, verlegt, versetzt, verrückt.
 
 
zu entwickeln.

Mit Laborexperimenten versuchten die Forscher dann herauszufinden, warum Darmkeime das Atopierisiko verändern können. Dazu brachten sie Immunzellen von gesunden Menschen mit keimfreier Flüssigkeit aus den Stuhlproben zusammen. Nur bei den Proben einer Darmflora mit erhöhtem Allergierisiko stieg daraufhin die Anzahl der T-Helferzellen (Th), die Interleukin 4 freisetzen, stark an. Dies ist ein typisches Kennzeichen einer so genannten Th2-Reaktion, die dafür bekannt ist, dass sie das immunologische Gleichgewicht später in Richtung Allergie verschieben kann.

Die Forscher haben außerdem festgestellt, welcher Bestandteil der Stuhlproben diese Allergieneigung hervorruft: eine kurzkettige Fettsäure namens 12,13-DIHOME. Sie vermuten, dass Darmkeime durch die Bildung von 12,13-DIHOME die Produktion regulatorischer T-ZellenT-Zellen
T-Lymphozyten oder T-Zellen kommen hauptsächlich in der Lymphflüssigkeit vor und reifen im Thymus (daher das T) heran. Sie sorgen (wie die B-Lymphozyten auch) für die Immunabwehr und sind sogenannte „immunkompetente Zellen", weil sie die Fähigkeit besitzen, diejenigen Fremdstoffe (bzw. deren Antigene), mit denen sie in Kontakt kommen, individuell zu erkennen und speziell zu bekämpfen.
verringern, die für die Vermeidung von allergischen Reaktion zuständig sind. Sind zu wenige dieser regulatorischen T-Zellen präsent, könne das ImmunsystemImmunsystem
Das körpereigene Abwehrsystem besteht aus drei Funktionskreisen:
(1) Knochenmark als Bildungsort für Immunzellen.
(2) Verschiedene zentrale Immunorgane wie Thymus (Prägung von T-Lymphozyten) und darmnahe Lymphorgane (für die Prägung von B-Lymphozyten).
(3) Sekundäre Lymphorgane wie Milz, Lymphknoten und Mandeln (Tonsillen).
Man unterscheidet die so genannte humorale Abwehr (über die Körperflüssigkeiten mit darin enthaltenen Antikörpern und Faktoren aus dem so genannten Komplementsystem) und die zellvermittelte Abwehr (mit B- und T-Zellen, Makrophagen, Antigen-präsentierenden Zellen, Granulozyten u.a.).
überaktiv werden, was auch die Neigung zu allergischen Erkrankungen erhöhen würde.

Darmkeime scheinen demnach einen großen Einfluss darauf zu haben, ob entzündungshemmende oder –fördernde Substanzen im Darm überwiegen. Diese Ergebnisse unterstützen die Hygiene-Hypothese, die folgendes besagt: Kinder, die in den ersten Lebenswochen in einer keimarmen Umgebung aufwachsen, haben weniger Möglichkeiten, eine gesunde Darmflora aufzubauen, die sie später vor Allergien schützen kann.