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03.02.2022

COPD nagt auch am Nervensystem

Entzündungsprozesse, neurotoxische Substanzen in Zigaretten, kleine Hirninfarkte – das sind nur drei von vielen Faktoren, die die Entwicklung von Nervenschäden bei COPD-Patienten fördern können.

Rund um die COPD rankt sich ein ganzes Netz von Begleiterkrankungen. Gehäuft kommen auch neuronale Schäden vor, allerdings hat man sie nur selten auf dem Schirm.

Von COPD-Patienten wird eine gewisses Selbstmanagement ihrer Erkrankung verlangt: Sie sollen sich schulen lassen, aktiv dazu beitragen, ihr Behandlungsergebnis zu verbessern und Komplikationen wie akute Verschlechterungen (Exazerbationen) zu verhindern. U.a. sind sie dazu aufgefordert, ihre Inhalativa regelmäßig anzuwenden und atemtherapeutische Übungen daheim zu absolvieren. Ob sie das kognitiv überhaupt schaffen können, werde zu selten hinterfragt, meint Privatdozentin Dr. Kathrin Kahnert, LMU-Klinikum, Campus Großhadern, München.

Die COPD „glänzt“ leider mit vielen ZNS-schädigenden Faktoren – von subklinischer Inflammation über Schwermetalle und andere neurotoxische Substanzen im Zigarettenrauch bis hin zu kleineren Hirninfarkten (kleiner-gleich 15 mm Durchmesser - sog. lakunäre Infarkte, die in der Regel durch Gefäßverschlüsse entstehen). Das Alzheimer- und Parkinsonrisiko eines COPD-Patienten beträgt fast das Doppelte von dem eines Lungengesunden. „Aus psychiatrischen Studien wissen wir, dass ein Arzt, der einen Patienten viele Jahre betreut, ein demenzielles Syndrom häufig erst dann bemerkt, wenn schwere Schäden und Defizite vorliegen“, so Dr. Kahnert. Die Patienten kompensieren häusliche Problem oft lange und dissimulieren, wenn sie beim Arzt sitzen.

Das deutsche COPD-Netzwerk COSYCONET lässt sich nutzen, um zu prüfen, welche Faktoren Anlass geben sollten, COPD-Patienten auf kognitive Funktionseinbußen zu screenen. Die Arbeitsgruppe um Dr. Kahnert hat dazu knapp 2.000 Patienten aller GOLD-Stadien mit einem Demenz-Test (DemTect) untersucht. Dieser Test schlägt schon im Frühstadium der Demenz an, wenn Patient, Angehörige und Ärzte die Funktionsstörung noch gar nicht registrieren. Bei 4–5 % der Patienten gab die Anamnese Hinweise auf eine kognitive Einschränkung, der Test identifizierte mehr als doppelt so viele.

Beim Abgleich mit COPD-Charakteristika ergab sich eine Korrelation mit erhöhten Entzündungswerten (CRP), Sauerstoffunterversorgung (Hypoxämie) und verminderter Leistungsfähigkeit/körperlicher Aktivität im 6-Minuten-Gehtest. „Das sind Parameter, die uns signalisieren, dass wir es mit einem Risikopatienten zu tun haben, bei dem sich ein kognitives Screening lohnt, um ihm mehr Unterstützung zukommen zu lassen“, meinte Dr. Kahnert.

Auch auf peripherer Ebene begünstigt die COPD neuronale Schäden. Natürlich gibt es gemeinsame Risikofaktoren wie Rauchen und höheres Lebensalter. Doch stellt sich die Frage: Welchen Effekt hat die COPD per se auf das Polyneuropathie-Risiko? COSYCONET lieferte auch hierfür die passende Kohorte, nämlich 606 stabile COPD-Patienten aller GOLD-Stadien, die weder einen manifesten Diabetes noch ein erhöhtes HbA1c im Sinne eines Prädiabetes aufwiesen. Ausgeschlossen wurden ferner solche mit Alkoholabusus in der Anamnese. Zwei Marker erwiesen sich als prädiktiv für die Polyneuropathie, nämlich ein erhöhter Basenexzess als Langzeitmarker der respiratorischen Azidose (= Übersäuerung des Blutes infolge der Anhäufung von Kohlendioxid) und ein erniedrigter Knöchel-Arm-Index (ABI) als Zeichen eines schlechten Gefäßstatus, der durch Doppler-Sonographie und Blutdruckmessung bestimmt werden und eine periphere Durchblutungsstörung bzw. periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK) anzeigen kann.

Pulmonale Parameter wie FEV1, Residualvolumen und Diffusionskapazität korrelierten nur indirekt mit dem Polyneuropathierisiko. Wahrscheinlich spielen chronische Veränderungen des internen Mikromilieus bei der COPD, insbesondere das Ausmaß der metabolischen Kompensation, eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Polyneuropathien und anderen Begleiterkrankungen, meint Dr. Kahnert. Der Organismus versucht ja die Übersäuerung (metabolische AzidoseAzidose
Darunter versteht man eine Störung des Säure-Basen-Gleichgewichts, die zu einer Übersäuerung des Organismus führt - das heißt die Anzahl chemischer Verbindungen, die Protonen (H+-Ionen) abgeben, hat Überhand genommen.
 
 
) respiratorisch zu kompensieren, indem die Ventilation gesteigert wird (Hyperventilation), um Kohlendioxid aus der Lunge zu entfernen, so dass der pH-Wert im Blut wieder ansteigt.

Quelle: Medical Tribune am 4.12.2021 / Kongressbericht: 61. Kongress der Deutschen Gesellschaft für PneumologiePneumologie
Die Atemwegs- und Lungenheilkunde (Pneumologie) ist ein Teilgebiet der Inneren Medizin, das sich mit der Vorbeugung, Erkennung und fachärztlichen Behandlung von Krankheiten der Lunge, der Bronchien, des Mediastinums (Mittelfell) und der Pleura (Rippen- und Lungenfell) befasst.
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