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29.10.2020

Circadiane Rhythmik könnte Heilungsverlauf auf Intensivstationen verbessern

Erkenntnisse der circadianen Rhythmik und der Schlafforschung zeigen, dass die Anwendung von circadianen Prinzipien auf der Intensivstation zu einem besseren Heilungsverlauf beitragen kann. Denn die Nichtbeachtung der Chronobiologie des Menschen macht anfällig für Sekundärkrankheiten.

Jährlich müssen mehr als zwei Millionen Menschen deutschlandweit auf einer Intensivstation behandelt werden. Die Ärzte und das Pflegepersonal tun alles dafür, Ihre Patienten optimal zu versorgen. Die Räumlichkeiten einer Intensivstation stehen dem Heilungsverlauf jedoch entgegen. Dafür sprechen Erkenntnisse der circadianen Rhythmik und der Schlafforschung. Prof. Dr. med. Claudia Spies, Direktorin der Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin forscht auf diesem Gebiet: „Gegenwärtig unterschätzen wir die Chronobiologie des Menschen noch und wie sehr uns deren Nichtbeachtung anfällig für Sekundärkrankheiten macht.“

Die Geräuschkulisse auf einer Intensivstation (ITS) ist hoch, die Lichtverhältnisse ungünstig. Das macht vielen Patienten Angst, lässt sie unruhig werden und produziert Stress. Claudia Spies setzt hier an und fragt sich, ob die Patienten nicht durch die Umgebungsumstände oder die Nichtbeachtung von physiologischen Grundprinzipien zusätzlich krank gemacht werden bzw. dies der Heilung entgegenwirkt. „Je kranker ein Mensch auf der ITS ist, umso stärker ist dieser aus seinem Tag-Nacht-Rhythmus raus. Das berichten uns Patienten selber, die lange bei uns sind. Und sie berichten uns auch, dass der Schlaf ihnen keine Erholung verschafft, sie keine Tiefschlafphasen haben“, erzählt Frau Prof. Spies. Dadurch werde der gesamte Mensch anfälliger für Infektionen, die seinen Zustand noch weiter verschlechtern würden, ohne dass sie mit dem eigentlichen Krankheitsbild zusammenhängen. „Die Rhythmusstörungen – nicht nur vom Herzen - müssen im Patientenmonitoring sichtbar gemacht werden“, betont Claudia Spies, „Wir müssen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass schlechte Umgebungsbedingungen auf der Intensivstation kranke Menschen noch kranker machen. Weil die biologischen Rhythmen aus dem Takt sind.“

Am Campus Klinikum Virchow der Charité läuft ein auf Bundesebene unterstütztes Pilotprojekt, das untersucht, welche Auswirkungen die Umgestaltung (Geräuschkulisse, Licht, Raumarchitektur) einer Intensiveinheit auf den Heilungsverlauf hat. Besonders die Lichtverhältnisse führen bei den Patienten relativ früh zu Schlafstörungen. Um dem vorzubeugen, forscht das Projekt unter anderem mit einer Beleuchtung, die den Tagesverlauf der Sonne simuliert und so als Taktgeber für einen gesunden Schlaf-Wach-Rhythmus fungiert. Zusätzlich sollen Koordinationsspiele, die in der Lichtdecke integriert sind, helfen Delir zu vermeiden und somit auch die Gefahr für kognitive Langzeitschädigungen. „Gelingt dieses Experiment, so wäre das eine kleine Revolution in der Intensivmedizin“, meint Claudia Spies. Und es sei obendrein finanzierbar – denn auch darauf wurde in der Studie Wert gelegt. Aktuell wird sie gerade publiziert, vorläufige Ergebnisse zeigen eine deutliche Reduktion des Delirs.

Am heutigen Freitag, den 30.10.2020 (von 14.30–16 Uhr) wird der aktuelle Wissensstand zu diesem Thema in einem Symposium mit dem Titel „Die Anwendung von Prinzipien der Circadianen und der Schlafforschung in der Klinik“ im Rahmen der virtuellen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) dargestellt. Das gesamte Programm der Jahrestagung können Sie unter www.dgsm-kongress.de einsehen.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM)