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18.02.2019

Bakterien setzen auf klassisches Geschäftsmodell

Erreger von Lungenentzündungen und weiteren Infektionen (Pseudomonas aeruginosa) fahren bei der Besiedlung ihrer Wirte eine doppelspurige Strategie. Ganz nach dem Geschäftsmodell „Niederlassen – Wachsen – Expandieren“ bilden sie zwei verschiedene Zellen: Bewegliche Schwärmer und virulente Siedler.

Foto: Krankenhaus Bethanien Moers

Forschende am Biozentrum der Universität Basel haben herausgefunden, wie Pseudomonas aeruginosa, ein Erreger von Lungenentzündungen, innerhalb von Sekunden sich an Gewebe festsetzen und gleichzeitig verbreiten kann. Ganz nach dem Geschäftsmodell: Niederlassen – Wachsen – Expandieren (siehe Cell Host & Microbe, Online-Veröffentlichung am 20.12.2018).

Das Bakterium Pseudomonas aeruginosa gehört zu den häufigsten Krankenhauskeimen und kann bei Patienten zu schweren Infektionen führen, wie zum Beispiel Wundinfektionen, Lungen- und Hirnhautentzündungen. Im ersten Schritt der Infektion ist es für den Erreger wichtig, sich so schnell wie möglich am Gewebe festzuheften und sich zugleich auszubreiten. Später müssen die Bakterien ihr Strategie allerdings ändern, damit es ihnen gelingt, sich dauerhaft im Wirt niederzulassen und sich vor dessen ImmunabwehrImmunabwehr
Das körpereigene Abwehrsystem besteht aus drei Funktionskreisen:
(1) Knochenmark als Bildungsort für Immunzellen.
(2) Verschiedene zentrale Immunorgane wie Thymus (Prägung von T-Lymphozyten) und darmnahe Lymphorgane (für die Prägung von B-Lymphozyten).
(3) Sekundäre Lymphorgane wie Milz, Lymphknoten und Mandeln (Tonsillen).
Man unterscheidet die so genannte humorale Abwehr (über die Körperflüssigkeiten mit darin enthaltenen Antikörpern und Faktoren aus dem so genannten Komplementsystem) und die zellvermittelte Abwehr (mit B- und T-Zellen, Makrophagen, Antigen-präsentierenden Zellen, Granulozyten u.a.).
zu verstecken, zum Beispiel in einem schützenden Biofilm.

Aus Schwärmern werden Siedler

Der Schlüssel zum Erfolg ist die perfektionierte Besiedelungsstrategie von P. aeruginosa. „Bei jeder Zellteilung bildet der Erreger zwei unterschiedliche Typen von Zellen:  die virulenten Siedler und die beweglichen Schwärmer“, erklärt Prof. Urs Jenal, Forschungsgruppenleiter am Biozentrum der Universität Basel. „Damit sich der Keim zugleich optimal einnisten und rasch ausbreiten kann, ist die Balance zwischen den beiden Zelltypen entscheidend.“ Im Anfangsstadium einer Infektion schwimmt die Schwärmerzelle mithilfe eines rotierenden Propellers, auch Flagellum genannt, in Richtung Gewebe. Dieses Flagellum, so haben die Forschenden nun beobachtet, dient auch als Sensor. „Sobald das Flagellum eine Oberfläche berührt, werden viele kurze und klebrige Zellfortsätze gebildet, die das Bakterium fest darauf verankern“, so Jenal. „Uns hat überrascht, wie schnell das geht. Innerhalb von Sekunden ändern die Schwärmer ihr Programm und setzen sich auf der Oberfläche fest.“ Der mechanische Reiz der Berührung löst die Produktion des bakteriellen Signalmoleküls c-di-GMP aus, welches schließlich die Bildung der Zellfortsätze initiiert.

Aus Siedlern werden Schwärmer

Darüber hinaus konnten die Forschenden zeigen, dass bei der Teilung einer haftenden Bakterienzelle zwei verschiedene Nachkommen entstehen: Eine Tochterzelle bleibt Siedler, die das Gewebe schädigen kann, die andere wird zum Schwärmer und verbreitet sich. Diesen Vorgang nennt man auch asymmetrische Zellteilung. „Der Grund dafür ist die ungleiche Verteilung von c-di-GMP in der sich teilenden Mutterzelle“, erklärt Erstautor Benoît Laventie. „Während die Zelle mit viel c-di-GMP haften bleibt, verlässt die andere mit wenig c-di-GMP den Ort, um sich an anderer Stelle niederzulassen.“ P. aeruginosa setzt damit auf das einfache Geschäftsmodell: erst niederlassen, dann wachsen und schließlich expandieren.

Kluge Taktik: Erobern und Verstecken

Den Bakterien steht aber nur ein begrenztes Zeitfenster zur Verfügung. Nach einigen asymmetrischen Zellteilungszyklen vermehren sich die Bakterien nur noch symmetrisch und produzieren ausschließlich haftende, virulente Nachkommen. Dadurch vergrößert sich die Population an den lokalen Siedlungsherden exponentiell. Der Keim ändert also seine Strategie und setzt von nun an darauf, sich im Wirt langfristig einzurichten und sich vor dessen Abwehrsystem in Sicherheit zu bringen. 

Diese Siedlungsstrategie, so vermuten die Forschenden um Jenal, ist von genereller Natur und findet sich wahrscheinlich bei einer Vielzahl von Bakterien, die unterschiedlichste Oberflächen wie Steine, Duschen, Kaffeetassen oder eben unsere Organe besiedeln.

Quelle: Biozentrum der Universität Basel