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27.02.2019

Asbest-Altlasten schlummern noch immer in manchen Gebäuden

Es ist eine Gefahrenquelle von anno dazumal am Bau: Asbest. Rund ein Viertel aller Gebäude mit Bau- oder Sanierungsjahr vor 1994 könnte belastet sein, berichtet das Bundesarbeitsministerium (BMAS).

Foto: Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau)

Ein NDR-Bürohochhaus, ein C&A-Kaufhaus sowie ein Reinbeker Schulzentrum aus den 1960er und -70er Jahren in Hamburg und Umgebung sind allesamt asbestbelastet. Mit den jüngst gemachten Funden in den Gebäuden ist ein altes Bau-Thema zumindest im Norden wieder prominent ins Bewusstsein gerückt. Hier hatte der Abriss eines zuvor asbestverseuchten Hochhauses am Millerntor 1995 Schlagzeilen gemacht, bundesweit war es das Aus für den Palast der Republik in Berlin, Sitz der DDR-Volkskammer, der nach jahrelanger Asbestsanierung mit Millionenaufwand um die Jahrtausendwende letztlich doch abgerissen wurde (2006 bis 2008).

Zwar ist Asbest seit 1993 in Deutschland verboten und darf weder verarbeitet noch in Verkehr gebracht werden, seit 2005 gilt dies auch europaweit. Doch die Altlasten wiegen immer noch schwer: Vor allem in den 1970er Jahren war es das Wundermittel der Bauindustrie, rund 180.000 Tonnen jährlich wurden laut Berufsgenossenschaft Bau (BG BAU) in der Spitze verbraucht. Dass das Mineral nicht brennt, gut isoliert und Fäulnis oder Korrosion Einhalt gebietet, wurde als Vorteil genutzt. „Untersuchungen von Sachverständigen lassen darauf schließen, dass etwa ein Viertel aller Gebäude, die vor 1994 errichtet, umgebaut oder saniert wurden, mit asbesthaltigen Bauprodukten belastet ist“, berichtet das Bundesarbeitsministerium (BMAS). Dies entspreche etwa einem Fünftel aller Gebäude in Deutschland.

„Es steckt in Fußböden, Dächern, Wänden und ist auch nach Jahrzehnten noch eine Gefahr: Asbest“, schreibt die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) im Internet. Auch im Putz, in Spachtelmasse, Fliesen- und Teppichklebern aus damaligen Zeiten können Asbestfasern verborgen sein. „Eingeatmete Asbestfasern gefährden die menschliche Gesundheit sowohl durch ihre Eigenschaft, Narbengewebe (Fibrose) zu erzeugen als auch durch ihre Fähigkeit, bösartige Tumore (Krebs) zu verursachen“, berichtet die BG Bau. 

In den gewerblichen Branchen gehören durch Asbest ausgelöste Berufskrankheiten wie Staublunge und Lungenkrebs neben Schwerhörigkeit durch Lärm sowie schweren Hauterkrankungen zu den am häufigsten gemeldeten Krankheiten. 1999 habe es mit mehr als 1000 Asbesttoten erstmals mehr Todesfälle durch den Stoff als durch Arbeitsunfälle gegeben, weiß die BG Bau. 2017 erfassten die gewerblichen Berufsgenossenschaften 1561 Tote und mehr als 9000 Verdachtsanzeigen. Die Leistungen für die Erkrankten belasten die Berufsgenossenschaften finanziell mit einem Millionen-Aufwand.

Wegen der Asbest-Altlasten haben das BMAS und das Umweltministerium vor zwei Jahren den Nationalen Asbestdialog ins Leben gerufen und Spitzenvertreter aller am Bauprozess beteiligten – „von Bauherren und Wohnungswirtschaft über Sozialpartner und Behörden bis hin zu Sachverständigen und Geräteherstellern“ - zusammengeholt. Eine von der BG Bau entwickelte Fachdatenbank „Gebäudeschadstoffe“ solle noch in diesem Jahr online gehen, um Betrieben und Beschäftigten Hinweise zu Verwendung und typischen Fundstellen asbesthaltiger Bauprodukte im Baubestand, aber auch zu den Schutzmaßnahmen bei den notwendigen Arbeiten zu geben, teilt das BMAS mit.

Zwar gibt es längst technische Regeln für Gefahrstoffe (TRGS 519), die Betrieben unter anderem eine Anzeigepflicht und Schutzmaßnahmen vorschreiben, wenn ihre Beschäftigten Staub von asbesthaltigen Materialien ausgesetzt sein können. Die Regelungen hätten aber bislang nicht ausreichend Anforderungen berücksichtigt, die sich aus weniger bekannten Verwendungen von Asbest in Bauprodukten wie Putzen, Spachtelmassen und Fliesenklebern (PSF) ergeben haben, ergänzt nun das BMAS. Wenn diese unsachgemäß mechanisch bearbeitet würden, insbesondere beim Schleifen oder Fräsen ohne geeignete Geräte und Absaugungen, seien Bewohner und Nutzer von Häusern gesundheitlichen Gefahren ausgesetzt.

Das Hamburger Amt für Arbeitsschutz erhielt 2018 den Angaben zufolge 2601 Asbestanzeigen. Diese würden fachlich auf Einhaltung der technischen Regeln für Gefahrstoffe (TRGS 519) überprüft, außerdem erfolgten stichprobenartig Besichtigungen auf den betroffenen Baustellen, teilte das Amt mit. Hier muss die sanierende Firma die Asbestentsorgung von einem Sachkundigen leiten lassen. Beim Hamburger Kongress-Zentrum CCH haben Asbestfunde und deren Sanierung streckenweise die derzeitige Umbauzeit verlängert, berichtet Messechef Bernd Aufderheide. 

Fachlehrgänge zur Asbestsanierung organisiert in Hamburg der Norddeutsche Asbest- und Gefahrstoffsanierungsverband. „Bei einem Haus aus den 70er Jahren ist von Schadstoffbelastungen auszugehen“, betont Verbandsgeschäftsführer Torsten Mussdorf. Er empfiehlt Käufern oder Erben, von Sachverständigen klären zu lassen, was womöglich im Eigenheim steckt. Auf der teuren Asbest-Entsorgung bleibe ein Hausbesitzer meist sitzen, weiß IG-Bau-Gewerkschaftschef Robert Feiger. „Wir brauchen eine Sanierungs- und Abwrackprämie für Asbest im Bau“, fordert er - bisher erfolglos. „Fast 30 Jahre nach dem Ende der Asbest-Ära sollte das gefährliche Material endgültig aus allen öffentlichen Gebäuden verschwunden sein“, mahnt Feiger die Politik.

Quelle: dpa