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18.04.2022

Allergiker profitieren von Reha im Gebirge

Sauberere Luft, hoher Luftdruck und relativ niedrige Temperaturen: Das alpine Klima hat für Allergiker einige Vorteile zu bieten.

Trotz modernster Therapeutika lässt sich das Asthma bei manchen Patienten nicht optimal kontrollieren. Eine Höhenklimatherapie (Alpine Altitude Climate Treatment, AACT) kann ihnen aber helfen und hat auch eine lange Tradition: Bereits vor über hundert Jahren schickte man Lungenkranke zur Behandlung in die Alpen. Später folgten Patienten mit Heuschnupfen (chronischer Rhinitis), Stirnhöhlenentzündung (Rhinosinusitis) und allergischen Hauterkrankungen (atopischer Dermatitis).

Warum tut ein Aufenthalt in den Bergen diesen Patienten gut? Ist es die saubere, weitgehend allergenfreie Höhenluft? Oder spielen der niedrigere Luftdruck, die hohe UV-Bestrahlung und die relativ niedrigen Temperaturen eine Rolle?

Eine Gruppe der European Academy of Allergy and Clinical Immunology  (EAACI) hat unter der Federführung von Dr. Karin Fieten vom Schweizer Institut für Allergie- und Asthmaforschung, Davos Wolfgang, ein Positionspapier zur Höhenklimatherapie  (AACT) veröffentlicht (siehe Allergy, online seit 3.2.2022). Darin fassen Experten zusammen, was man über die Wirkmechanismen weiß und welchen Stellenwert die Therapie für Patienten mit schwerem und unkontrolliertem Asthma hat.

Die meisten europäischen Höhenkliniken liegen in den Alpen auf moderater Höhe (1200–2500 m). Diese Lagen zeichnen sich u.a. durch einen reduzierten Luftdruck, relativ niedrige Temperaturen und Luftfeuchtigkeit sowie eine erhöhte UV-Strahlung aus. Das hat positive metabolische, immunologische und andere physiologische Adaptationsreaktionen zur Folge.

Mit zunehmender Höhe ändern sich nicht nur die klimatischen Bedingungen, sondern auch Flora und Fauna. Die Belastung durch Aeroallergene nimmt im Alpenklima ab. Konkret bedeutet das: Weniger Hausstaubmilben, Pilze, Pollen und Luftschadstoffe. Außerdem ließ sich zeigen, dass die Artenvielfalt (Diversität) des Haut-Mikrobioms von Kindern mit atopischer Dermatitis und Asthma während einer Höhenklima-Therapie zunimmt. Die Zusammensetzung des Mikrobioms scheint sich also durch die moderate Höhenlage oder die alpine Umgebung beeinflussen zu lassen.

Beobachtungsstudien weisen darauf hin, dass die geringere Allergenexposition während einer AACT bei Asthmatikern die antigeninduzierte Histaminfreisetzung aus Basophilen sowie Gesamt-IgE und spezifisches IgE signifikant reduzieren kann. Außerdem wirkt sich die Höhenlage positiv auf regulatorische T-ZellenT-Zellen
T-Lymphozyten oder T-Zellen kommen hauptsächlich in der Lymphflüssigkeit vor und reifen im Thymus (daher das T) heran. Sie sorgen (wie die B-Lymphozyten auch) für die Immunabwehr und sind sogenannte „immunkompetente Zellen", weil sie die Fähigkeit besitzen, diejenigen Fremdstoffe (bzw. deren Antigene), mit denen sie in Kontakt kommen, individuell zu erkennen und speziell zu bekämpfen.
aus. Bei allergischem Asthma nimmt die Typ-2-Inflammation ab.

Zudem sind die aktuellen europäischen AACT-Programme absolut leitlinienkonform, da sie die physikalischen Eigenschaften der Umgebung mit dem Meiden von Umwelttriggern im alpinen Klima und einer personalisierten multidisziplinären Lungenrehabilitation kombinieren. Die meisten Angebote umfassen eine ausführliche klinische Anamnese, psychologische Interventionen, ein individuell zugeschnittenes Trainingsprogramm, umfangreiche Patientenedukation sowie personalisierte Aktionspläne, die nach der Reha umgesetzt werden sollen.

Die Pharmakotherapie wird während dem Aufenthalt entsprechend der neuesten Standards optimiert. Die meisten Patienten erleben eine verbesserte Asthmakontrolle während der AACT, was sich darin zeigt, dass sie weniger kurz wirksame Beta-2-Agonisten benötigen und den Einsatz von inhalativen Kortikosteroiden optimieren.

Mit steigender Krankheitskontrolle können sich die Patienten auch körperlich mehr belasten, und diese Aktivität wiederum verbessert Lungenfunktionsparameter und aerobe Fitness. Das wirkt sich positiv auf die belastungsabhängige Verengung der Bronchien (Bronchokonstriktion) aus.
Die Wirksamkeit der AACT wurde bisher nicht in randomisierten klinischen Studien untersucht, daher gibt es keinen Konsens über die optimale Dauer.

Beobachtungsstudien zeigen jedoch, dass bis zu zwölf Monate nach Ende einer AACT positive Auswirkungen nachweisbar sind:

  • bessere körperliche Belastbarkeit
  • bessere Asthmakontrolle und asthmabezogene Lebensqualität
  • reduzierter Einsatz oraler Kortikosteroide
  • weniger ambulante Arzttermine
  • weniger Exazerbationen
  • reduzierte Anzahl und Dauer stationärer Aufenthalte

Die AACT könne als natürliche Behandlung mit immunmodulatorischen Effekten gesehen werden, so die Autoren. Sie helfe bei der Krankheitskontrolle (unabhängig vom Phänotyp) und führe zu einer raschen Verringerung der Entzündungsprozesse.

Quelle: Medical Tribune am 01.04.2022