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25.11.2021

Starkes Übergewicht hat für COPD-Patienten offenbar auch Vorteile

Starkes Übergewicht (Adipositas) birgt viele gesundheitliche Risiken, scheint manchen COPD-Patienten aber auch zugute zu kommen: In einer Studie lag ihr Sterberisiko deutlich niedriger als das von Normalgewichtigen.

Mindestens jeder dritte COPD-Patient schleppt zu viele Kilos mit sich herum – mit allen Konsequenzen für Gefäßsystem und Stoffwechsel. Auf die Lungenkrankheit scheinen sich Übergewicht und Adipositas allerdings auch positiv auszuwirken.

Die Forschung zu Körpergewicht und Körperzusammensetzung von COPD-Patienten hat sich bisher meist auf das Untergewicht fokussiert. Adipositas war schlicht kein Thema, weil es als ausgemacht galt, dass mehr Speck auf den Rippen den Patienten eher guttut. Allenfalls wurde der Body Mass Index (BMI) als demografische Variable in klinischen Studien registriert.

Eine Ausnahme bildet eine niederländische Studie (online auf der ATS 2021 International Conference), die das Problem von Übergewicht und seinem Einfluss auf Begleiterkrankungen und Medikation bei COPD adressiert hat. Wie Prof. Dr. Janet L. Larson, University of Michigan, Ann Arbor, berichtete, haben die Kollegen Daten von fast 5.000 Patienten mit spirometrisch bestätigter milder bis moderater COPD und einem BMI von mindestens 21 kg/m² ausgewertet. Fast drei Viertel der Teilnehmer waren übergewichtig (n = 2212) oder adipös (n = 1192).

Übergewicht erhöhte das Risiko für diverse Begleiterkrankungen, vor allem Diabetes und BluthochdruckBluthochdruck
Laut Hochdruckliga liegt der ideale Blutdruck bei 120/80 mmHg. Bluthochdruck ist eine krankhafte Steigerung des Blutdruckes in den Arterien auf einen systolischen Wert von über 140 mmHg und einen diastolischen Wert von über 90 mmHg. Bluthochdruck ist ein wichtiger Risikofaktor für Gefäßerkrankungen, Nierenschwäche und Herzschwäche.
, aber auch Arthrose und Herzschwäche. Seltener als bei Normalgewichtigen traten Osteoporose, Angststörungen und Lungenentzündungen auf. Mit dem Gewicht der Patienten stieg offenbar die Neigung der Ärzte zur Verordnung von Arzneimitteln. Übergewichtige und Adipöse erhielten häufiger kurz- und langwirksame BronchodilatatorenBronchodilatatoren
Diese Medikamente erweitern die Bronchien.
 
 
, inhalative und orale Steroide. Antibiotikagaben fanden sich nur bei adipösen Patienten häufiger auf der Liste.

„Dicke COPD-Patienten kommen vermutlich öfter mit Atemnot und Exazerbationen zum Arzt, die möglicherweise stärker auf das Übergewicht zurückzuführen sind als auf die COPD“, interpretiert Prof. Larson diese Resultate. Eine andere Erklärung könnte sein, dass die Atemwegstherapeutika Wirksamkeit einbüßen, je stärker das Gewicht Normalwerte übersteigt.
Trotzdem, überschüssige Pfunde scheinen den COPD-Patienten tatsächlich zu nutzen, wie eine aktuelle Auswertung der RETOS-Studie demonstriert. In sie gingen Daten von 301 wegen akuter Verschlechterung (Exazerbation) ins Krankenhaus eingelieferten COPD-Patienten ein. Vier von zehn hatten einen BMI über 30 kg/m². Auch in dieser Studie fanden sich für Adipöse höhere Raten an kardiovaskulären Risikofaktoren und Komorbiditäten inklusive Koronarer Herzerkrankung (KHK) und Herzschwäche (Herzinsuffizienz). Nichtsdestotrotz stabilisierten sie sich etwas schneller (2 vs. 3 Tage) als Normalgewichtige und verließen das Krankenhaus tendenziell etwas früher (3,5 vs. 4 Tage, Unterschiede allerdings nicht-signifikant).

Spannend wird es bei der Sterblichkeit im Langzeitverlauf: Nach sechs Monaten waren 18 % der Normalgewichtigen gestorben, aber nur 7 % der Adipösen. Nach einem Jahr betrugen die Raten 28 % und 8 %, was einer mehr als 80 %-igen Risikoreduktion entspricht. Leider geht aus der Publikation nicht hervor, wie die Körperzusammensetzung der Patienten aussah, speziell die Muskelmasse, bedauerte Prof. Larson. Daraus hätte man Schlüsse zu protektiven Mechanismen ableiten können.

Wie sich übergewichtige COPD-Patienten in der Reha trainieren lassen, haben türkische Kollegen untersucht. Überwachtes Intervalltraining zusätzlich zu Übungen daheim schien bei ihnen am besten zu funktionieren: Die Patienten klagten seltener über Muskelermüdung und Atemnot als die mit kontinuierlichem Training. Sie konnten ihre Leistungsfähigkeit stärker steigern und schilderten eine bessere Lebensqualität.

Der Nutzen hinsichtlich der Grunderkrankung ist in dieser Studie nicht untersucht worden. Andere Arbeiten haben jedoch gezeigt, dass COPD-Patienten von Rehasport auch im Hinblick auf den Krankheitsverlauf profitieren. Das dürfte für körperliche Aktivität allgemein gelten. Ob Training negative Effekte von Übergewicht ausgleichen kann, bleibt zu prüfen.

Quelle: Medical Tribune vom 11.9.2021 & Kongressbericht: ATS 2021 International Conference (Online-Veranstaltung)