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12.06.2020

Welche Lungenpatienten haben ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19?

Unter den Patienten mit vorbestehenden Atemwegs- und Lungenerkrankungen haben insbesondere solche mit COPD, MukoviszidoseMukoviszidose
Bei der Erbkrankheit Mukosviszidose, an der in Deutschland rund 8.000 Menschen leiden, führt ein fehlerhaftes Gen dazu, dass der Salz- und Wassertransport der Schleimhäute in Lunge, Darm und anderen Organen verändert ist und dadurch ein abnormal zähflüssiger Schleim in Lunge, Bauchspeicheldrüse und Dünndarm gebildet wird, der die Bronchien und Verdauungswege verstopft. Atemnot, chronischer Husten, aber auch eine gestörte Verdauung und Infektanfälligkeit sind die Folgen. 
 
, Lungenfibrose (oder einer anderen interstitiellen Lungenerkrankung), Lungenkrebs sowie Lungentransplantation ein erhöhtes Risiko für schwere Covid-19-Verläufe. Darauf weisen die Lungenärzte der Deutschen Lungenstiftung hin unter Berufung auf eine von Lungenexperten aktuell veröffentlichte Risikoabschätzung.

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Bei einem schweren Verlauf von Covid-19 kann es neben einer Lungenentzündung aufgrund einer übermäßigen Ausschüttung von entzündungsfördernden Stoffen (sog. Zytokinsturm) zur Entwicklung von Thrombosen und Embolien kommen mit der Folge einer Schädigung der Lungengefäße und/oder eines Multiorganversagens. Abgesehen von allgemeinen Risikofaktoren (wie zusätzlichen Begleiterkrankungen, höherem Alter, Immunschwäche, Rauchen etc.) haben unter den Patienten mit vorbestehenden Atemwegs- und Lungenerkrankungen insbesondere solche mit COPD, Mukoviszidose, Lungenfibrose (oder einer anderen interstitiellen Lungenerkrankung), LungenkrebsLungenkrebs
Das ist der im Brustkorb gelegene Raum zwischen den beiden Lungenflügeln, in dem die Brusteingeweide untergebracht sind - also das Herz, zugehörige Nerven, Gefäße und Lymphknoten. Die Pleuren (Rippen- und Lungenfell), welche die beiden Brustfellhöhlen mit den Lungenflügeln auskleiden, bilden eine Trennwand zwischen Mediastinum und Lunge. Nach vorne und hinten wird dieser Raum vom Brustbein und der Brustwirbelsäule begrenzt, von oben und unten erstreckt er sich etwa ab Höhe des Schlüsselbeins bis hinunter zum Zwerchfell. 
sowie Lungentransplantation ein erhöhtes Risiko für schwere Covid-19-Verläufe. Darauf weisen die Lungenärzte der Deutschen Lungenstiftung hin unter Berufung auf eine von Lungenexperten aktuell veröffentlichte Risikoabschätzung bei Patienten mit chronischen Atemwegs- und Lungenerkrankungen im Rahmen der SARS-CoV-2-Pandemie.

COPD

Patienten mit COPD haben aufgrund der krankheitsbedingt ablaufenden, systemischen Entzündungsprozesse und der geschwächten Abwehrkraft ihrer vorgeschädigten Lungen einem möglichen Zytokinsturm als Reaktion auf die virale Infektion bei Covid-19 nichts entgegenzusetzen. Zudem weisen sie enzymbedingt eine höhere Zahl an Rezeptoren auf, über die SARS-CoV-2-Viren bei einer Infektion in die Körperzellen eindringen, so dass sie auch ein fünfmal höheres Infektionsrisiko haben im Vergleich zu Menschen ohne COPD. Übrigens erhöht auch Rauchen die Anzahl dieser Rezeptoren, daher wird eine Tabakentwöhnung dringend empfohlen. Auch ein vollständiger Impfschutz (vor allem gegen Pneumokokken und Grippe) ist anzuraten. Ohne Covid-19-Krankheitsanzeichen ist eine häusliche Quarantäne zwar nicht erforderlich. Die vom Robert-Koch Institut (RKI) empfohlenen Abstandsgebote und Hygienemaßnahmen sollten aber sorgfältig beachtet werden, um die Ansteckungsgefahr so gut es geht zu minimieren. Soziale Kontakte sollten bevorzugt über Video und Telefon gepflegt werden.

Mukoviszidose

Aufgrund ihrer strukturell vorerkrankten Lunge ist bei Mukoviszidose-Patienten davon auszugehen, dass ihre Kompensationsmöglichkeiten limitiert sind und sie daher ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 haben. Betroffene sollten ihre medikamentöse Basistherapie unbedingt fortführen, die Atemtherapie möglichst eigenständig durchführen, um Ansteckungsrisiken zu verringern, und Therapiesitzungen mit dem Atemphysiotherapeuten wo möglich per Video abhalten. Ohne Krankheitsanzeichen ist ein Daueraufenthalt zu Hause nicht erforderlich und hinsichtlich der positiven Auswirkungen von körperlicher Bewegung auch nicht sinnvoll. Vielmehr sollte Lungensport wie gewohnt betreiben werden, wobei die allgemeinen Empfehlungen des RKI natürlich beachtet werden müssen.

Lungenfibrose

Patienten mit interstitiellen Lungenerkrankungen wie Lungenfibrose sollten hinsichtlich der strukturellen Veränderungen ihrer Lungen und ihrer immunsuppressiven Therapie, von einem höheren Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf von Covid-19 ausgehen. Ein vorübergehendes Absetzen der immunsuppressiven Medikamente könnte zu einer Verschlechterung der Grunderkrankung führen, die dann mit noch mehr ImmunsuppressivaImmunsuppressiva
Medikamente, die das körpereigene Abwehrsystem (Immunsystem) unterdrücken.
behandelt werden müsste. Daher sollte die medikamentöse Therapie unverändert bzw. möglichst niedrig dosiert fortgeführt werden. Nur bei Nachweis einer SARS-CoV-2-Infektion oder einem Infektionsfall im gleichen Haushalt sollte eine Pausierung der Immunmodulatoren (Azathioprin oder Methotrexat) bis zur Symptombesserung erfolgen. Demgegenüber sollte eine Prednisolon-Therapie in möglichst niedriger Dosis fortgeführt werden, da eine Verschlechterung der Fibrose infolge eines viralen Infekts durch Antifibrotika verhindert werden kann. Auch eine LangzeitsauerstofftherapieLangzeitsauerstofftherapie
Eine Sauerstofflangzeittherapie (LTOT - abgekürzt aus dem Englischen long time oxygen therapy) ist der Ansicht von Spezialisten zufolge nur dann angezeigt und sinnvoll, wenn bereits mehrmals eine Sauerstoffmessung (meist anhand einer Blutprobe aus dem Ohrläppchen) durchgeführt wurde und die Sauerstoffwerte dabei immer wieder zu niedrig ausgefallen sind. Dann allerdings muss die Anwendung des Naturstoffes Sauerstoff (O2) über einen längeren Zeitraum, evtl. sogar dauernd erfolgen. Eine kurzzeitige Anwendung für lediglich ein paar Minuten pro Tag, ist zwar im Allgemeinen nicht schädlich, medizinisch gesehen aber sinnlos.
 
 
sollte unverändert fortgeführt werden.

Lungenkrebs

Bei Tumorpatienten besteht generell ein höheres Risiko für schwere Covid-19-Verläufe, weil sie aufgrund der mangelnden ImmunabwehrImmunabwehr
Das körpereigene Abwehrsystem besteht aus drei Funktionskreisen:
(1) Knochenmark als Bildungsort für Immunzellen.
(2) Verschiedene zentrale Immunorgane wie Thymus (Prägung von T-Lymphozyten) und darmnahe Lymphorgane (für die Prägung von B-Lymphozyten).
(3) Sekundäre Lymphorgane wie Milz, Lymphknoten und Mandeln (Tonsillen).
Man unterscheidet die so genannte humorale Abwehr (über die Körperflüssigkeiten mit darin enthaltenen Antikörpern und Faktoren aus dem so genannten Komplementsystem) und die zellvermittelte Abwehr (mit B- und T-Zellen, Makrophagen, Antigen-präsentierenden Zellen, Granulozyten u.a.).
dem Virus nichts entgegenzusetzen haben. Da Lungenkrebserkrankungen hinsichtlich ihrer Therapie und Prognose aber überaus heterogen sind, können Risikoabschätzungen und Empfehlungen nur sehr individuell ausgesprochen werden. Für alle Patienten mit Lungenkrebs gilt, dass die ärztlich empfohlenen Therapien für das Überleben der Patienten wichtig sind und daher nicht verschoben werden sollten. Auch Besuchsverbote sollten nicht pauschal gelten – insbesondere über den Besuch von Angehörigen und Freunden sollte individuell entschieden werden.

Lungentransplantierte

Trotz oft milden Verlaufs von Covid-19 ist bei Lungentransplantierten aufgrund der immunsuppressiven Therapie nach einer Infektion mit SARS-CoV-2-Viren Vorsicht geboten. Nur bei schweren Verläufen sollte die Immunsuppression (mit Mycophenolat-Mofetil und Azathioprin) unter sorgfältiger Überwachung vorüberübergehend unterbrochen werden. Auch Wechselwirkungen der Immunsuppressiva mit anderen zur Behandlung von Covid-19 verabreichten Medikamenten sind bei Lungentransplantierten besonders zu beachten. Ansonsten sollte die immunsuppressive Therapie nicht ausgesetzt werden. Dennoch wird ein prophylaktischer Daueraufenthalt zu Hause nicht empfohlen, zumal Aktivitäten außer Haus für die Lebensqualität und Psyche wichtig sind.

„Grundsätzlich sollten alle Menschen mit chronischen Atemwegs- und Lungenerkrankungen – also auch diejenigen, die nicht zur Risikogruppe für einen schweren Covid-19-Verlauf gehören – in der PandemiePandemie
Unter einer Pandemie versteht man eine sich weit verbreitende und dabei ganze Länder oder Kontinente erfassende Krankheit.
Vermischen sich beispielsweise die Erbinformationen von zwei verschiedenen Influenza-Viren in einem Zwischenwirt (z.B. Schwein), tritt ein neuer Virus-Typ mit noch unbekannten Eigenschaften auf. Dieser so genannte Subtyp kann sich schnell ausbreiten, da die Menschen gegen diesen Erreger weder über natürliche noch infolge einer Schutzimpfung aufgebaute Antikörper verfügen. Der jährliche Grippe-Impfschutz erfasst zwar neue Varianten des Influenza-Virus (d.h. leichteVeränderungen in der Oberflächenstruktur), aber keine komplett neuartigen Subtypen. Bricht eine Pandemie aus, muss daher schnell ein Impfstoff gegen den neuen Subtyp entwickelt werden und/oder ein antiviral wirksames Medikament flächendeckend eingesetzt werden.
ihre gewohnte Therapie fortführen, alle Medikamente wie vom Arzt vorgeschrieben einnehmen, und mit dem Rauchen - falls sie Raucher sind - möglichst aufhören. Soziale Kontakte sollten sie vorzugsweise an der frischen Luft (anstatt in geschlossenen Räumen) oder per Video und Telefon pflegen, und dabei natürlich wie überall die allgemeinen Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen einhalten und den Impfschutz vor allem gegen Grippe und PneumokokkenPneumokokken
Das sind kugelförmige Bakterien, die (im Gegensatz zu Legionellen) mit dem Antibiotikum Penicillin meistens gut in den Griff zu bekommen sind. Gegen die von Pneumokokken verursachte Lungenentzündung gibt es auch eine vorbeugende Impfung.
wahrnehmen. Da körperliche Bewegung für die Gesundheit und das Wohlbefinden essentiell ist, wäre es empfehlenswert, körperliche Aktivitäten bzw. Lungensport fortzuführen – entweder in kleinen Lungensportgruppen unter Berücksichtigung der Hygieneregeln oder individuell und selbständig zu Hause“, fasst Prof. Adrian Gillissen, Stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Lungenstiftung und Direktor der Abteilung für Innere Medizin und PneumologiePneumologie
Die Atemwegs- und Lungenheilkunde (Pneumologie) ist ein Teilgebiet der Inneren Medizin, das sich mit der Vorbeugung, Erkennung und fachärztlichen Behandlung von Krankheiten der Lunge, der Bronchien, des Mediastinums (Mittelfell) und der Pleura (Rippen- und Lungenfell) befasst.
von der Ermstalklinik Reutlingen-Bad Urach zusammen.

Quellen:
•    Risikoabschätzung bei Patienten mit chronischen Atemwegs- und Lungenerkrankungen im Rahmen der SARS-CoV-2-Pandemie: Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) vom 27.5.2020
•    Respiratory Medicine 2020, Band 167, Seite:105941
•    New English Journal, Online-Veröffentlichung am 21.5.2020

Autor: äin-red

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