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29.11.2015

Gefahr durch Asbest in Fliesenkleber und Putz unzureichend erforscht

Experten warnen vor Asbestquellen, die bisher offenbar zu wenig berücksichtigt wurden - z.B. Spachtelmasse, Putz und Co.

Unter den Begriff Asbest fallen natürliche Minerale mit faseriger Struktur. Sie sind unempfindlich gegen Hitze und lassen sich wegen ihrer hohen Elastizität und Bindefähigkeit mit anderen Stoffen leicht verarbeiten. Die Industrie setzte Asbest deshalb in vielen Produkten ein. Die Verwendung des vor allem in der Bau- und Autoindustrie eingesetzten Stoffes ist seit 1993 in Deutschland verboten. Denn der Stoff ist auch gesundheitsgefährdend. Er zerteilt sich in feine Fasern, die leicht eingeatmet werden können. Das kann zu einer chronischen Entzündung der Lunge führen und letztlich Krebs verursachen. Die so genannte Asbestose ist bereits seit 1936 als Berufskrankheit anerkannt.

Die Gefahr durch krebserregenden Asbest in Dachplatten oder an Fassaden ist bekannt. Doch Experten zufolge bleibt ein Risiko durch weitere Gefahrenquellen bislang unberücksichtigt: Vor dem deutschlandweiten Verbot 1993 waren asbesthaltige Putze, Fliesenkleber und Spachtelmassen beliebte Baustoffe und waren in mehreren Tausend Stoffen enthalten.

„Es fehlt an systematischen Untersuchungen, die etwas über die Freisetzung bei Bauarbeiten an asbesthaltigen Flächen aussagen“, erläutert der Diplom-Chemiker und Sachverständige Jörg Wohlgemuth aus Dreieich. Solche Prüfungen wären wichtig, um die Gefährdung besser einschätzen zu können. „Nicht nur für die Arbeiter, sondern auch für die Menschen im Umfeld der Baumaßnahme.“ Laut Gesamtverband Schadstoffsanierung ist davon auszugehen, dass in etwa einem Viertel der vor 1995 errichteten Gebäude asbesthaltige Spachtelmassen oder Fliesenkleber verbaut sind. Bundesweite Aussagekraft hätten die bisher nur vereinzelt gesammelten Erkenntnisse jedoch nicht, schränkt Wohlgemuth ein. Durch die ersten Untersuchungen sei das Thema Asbest im Innenraum neu entdeckt worden.

Bei einem Pilotprojekt in Hamburg sei bei Untersuchungen der Wandputze an Schulen in 15 Prozent der Proben Asbest gefunden worden. Zudem gebe es Hinweise, dass in der ehemaligen DDR überhaupt keine asbesthaltigen Putze, Fliesenkleber und Spachtelmassen genutzt wurden, berichtet Wohlgemuth. Doch auch hier fehle es an einer Bestätigung durch bundesweite, systematische Prüfungen. „Solange Flächen nicht behandelt werden und möglichst von Tapete oder dichtem Anstrich überdeckt sind, besteht keine Gefahr“, betont Wohlgemuth. Anders sei das bei Bauarbeiten: Bohren, Fräsen oder Schleifen seien sehr staublastig. „Das heißt, Asbest kann austreten. Es gibt Hinweise darauf, dass das in arbeitsschutzrelevanten Dosen passiert.“ Gravierend sei das Problem beim Abriss. „Dann kann Asbest in die Außenluft gelangen, hier gilt ein Grenzwert von 1000 Fasern je Kubikmeter.“ Das sei eine Konzentration, bei der die winzigen Fasern unsichtbar blieben - und damit auch die potenzielle Gefahr, die von ihnen ausgehe.

Im Jahr 2012 starben einem Bericht der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zufolge mehr als 1500 Menschen in Deutschland an den Folgen einer schweren asbestbedingten Erkrankung, die oft mit mehr als 30 Jahren Verzögerung zur ursächlichen Exposition auftritt. Insgesamt starben zwischen 1994 und 2012 demnach mehr als 26.000 Menschen an asbestbedingten Folgen. Wegen der fehlenden gesicherten Erkenntnisse über die frühere Verwendung in Innenräumen sei die Bauwirtschaft verunsichert, so der Fachmann. „Für den einzelnen Sanierungsfall müssen viele Proben aus einem Haus gesammelt werden, um etwas über den Asbestgehalt aussagen zu können.“ Es fehle bisher an verbindlichen Richtlinien, was systematisch untersucht werden muss. „Betroffene Wände werden schnell zum Zeit- und Kostenfaktor. Ein normaler Abtrag ist billiger und schneller zu realisieren, als wenn man unter den besonderen Schutzbedingungen arbeiten muss.“

Quelle: dpa