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Was ist Tuberkulose?

Die Tuberkulose (TB) ist eine meldepflichtige Infektionskrankheit, die durch Tuberkulosebakterien (Mycobakterien, die zum so genannten Mycobacterium tuberculosis-Komplex gehören) hervorgerufen wird. Die Bakterien werden dabei in aller Regel durch das Einatmen von infektiösen Tröpfchenkernen (Aerosolen) von Mensch zu Mensch übertragen. Die Tuberkulose betrifft bevorzugt die Lunge, kann aber auch in jedem anderen Organ auftreten.

Gelingt es der ImmunabwehrImmunabwehr
Das körpereigene Abwehrsystem besteht aus drei Funktionskreisen:
(1) Knochenmark als Bildungsort für Immunzellen.
(2) Verschiedene zentrale Immunorgane wie Thymus (Prägung von T-Lymphozyten) und darmnahe Lymphorgane (für die Prägung von B-Lymphozyten).
(3) Sekundäre Lymphorgane wie Milz, Lymphknoten und Mandeln (Tonsillen).
Man unterscheidet die so genannte humorale Abwehr (über die Körperflüssigkeiten mit darin enthaltenen Antikörpern und Faktoren aus dem so genannten Komplementsystem) und die zellvermittelte Abwehr (mit B- und T-Zellen, Makrophagen, Antigen-präsentierenden Zellen, Granulozyten u.a.).
unseres Körpers den Erreger nach dem ersten Kontakt erfolgreich einzudämmen, liegt eine latente tuberkulöse Infektion vor (LTBI, Nachweis über positiven Tuberkulinhauttest etwa 6-8 Wochen nach Kontakt). Diese Reaktion auf eine Infektion, die nicht zu einem klinisch fassbaren Krankheitszustand führt, tritt in 90-95% der Infektionsfälle auf. Durch die Bildung von Granulomen können infizierte Personen mit intaktem Immunsystem die Infektion eingrenzen, ohne dass eine behandlungsbedürftige Erkrankung entsteht. Durch die Ausbildung von Granulomen werden die Bakterien allerdings nur eingedämmt, meist aber nicht völlig abgetötet. Durch verschiedene Botenstoffe (ZytokineZytokine
Das sind körpereigene Substanzen (Peptide), die vom Immunsystem (von aktivierten T-Zellen u.a.) freigesetzt werden, um die Bildung von Abwehrzellen und Entzündungszellen anzukurbeln. Zytokine tragen auch zur Reparatur von Gewebeschäden bei und wirken als Wachstumsfaktoren auf viele Zellen ein.
 
) der beteiligten Zellen kommt es zu einer weiteren Immunaktivierung. Da diese granulomatöse Gewebsreaktion typisch für eine Tuberkulose ist, wird auch von einer spezifischen Entzündung gesprochen.

Kommt es dagegen, insbesondere bei Immunschwäche, direkt im Anschluss an eine Infektion zur Ausbildung eines tuberkulösen Entzündungsherdes, meist mit einer Vergrößerung des begleitenden Lymphknotens (Primärkomplex), so liegt eine Primärtuberkulose vor. Über den Blutweg können die Erreger dann auch in andere Organe gestreut werden. Der Begriff Tuberkulose stammt aus dem Lateinischen (tuberculum = kleiner Knoten).

Doch auch viele Jahre nach einer Infektion kann es noch zur Entwicklung einer behandlungsbedürftigen, aktiven Tuberkulose kommen (Postprimärtuberkulose), wenn die komplizierten Regulationsmechanismen der GranulomeGranulome
Nach Eindringen von Tuberkulosebakterien in den Organismus versucht die körpereigene Abwehr mit Hilfe komplexer Immunmechanismen diese zu bekämpfen. Es kommt zur Bildung von Granulomen, die aus aktivierten Fresszellen bestehen (d.h. Makrophagen, welche die Erreger in sich aufnehmen), sowie aus den diese umschließenden T-Lymphozyten. Durch spezielle Mechanismen sind die Mykobakterien in erheblichem Ausmaß unempfindlich gegenüber einer intrazellulären Abtötung durch Makrophagen. Sie können in diesen lange Zeit geschützt vor sich hin schlummern und erst zu einem späteren Zeitpunkt wieder aktiviert werden.
zusammenbrechen und die Erreger sich ungehemmt vermehren können. Diese „Reaktivierung" spielt in den industrialisierten Ländern Europas und Nordamerikas vor allem bei älteren Menschen ein große Rolle. Das Risiko, eine behandlungsbedürftige Tuberkulose zu entwickeln, ist in den ersten zwei Jahren nach einer Infektion am höchsten.

Die Tuberkulose existiert vermutlich seit Menschengedenken als weit verbreitete Erkrankung und begleitet die menschliche Kulturgeschichte wie kaum eine andere Krankheit. Erste Beschreibungen der klinischen Erscheinungsformen der Lungentuberkulose gehen auf Hippokrates (ca. 460-370 v. Chr.) zurück. Die industrielle Revolution und die dadurch ausgelösten sozialen Veränderungen - vor allem die wachsende Bevölkerungsdichte in den Städten - führten zu einem sprunghaften Anstieg der Tuberkulose im 18. und 19. Jahrhundert. In der Mitte des 19. Jahrhunderts starb in Deutschland jeder vierte erwachsene Mann an Tuberkulose. Diese wurde damals auch als die „weiße Pest" bezeichnet. Im berühmten, nobelpreisgekrönten Roman „Der Zauberberg" beschreibt der Autor Thomas Mann sehr anschaulich und eindringlich den Einfluss, den diese Erkrankung auf alle Bereiche des menschlichen Lebens hatte.

In den industrialisierten Ländern hat die Tuberkulose aufgrund des steigenden Wohlstands, der besseren hygienischen und ernährungstechnischen Verhältnisse und nicht zuletzt wegen der seit Mitte des 20. Jahrhunderts zur Verfügung stehenden medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten sehr an Schrecken verloren. Die Sterblichkeit infolge der Erkrankung hat dort stark abgenommen.

Dennoch gehört die Tuberkulose neben Aids/HIV und Malaria weltweit immer noch zu den häufigsten Infektionskrankheiten. Ein Drittel der Menschheit - das sind etwa zwei Milliarden Betroffene - sind nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit dem Erreger infiziert, wovon 5-10% an aktiver Tuberkulose erkranken, dabei Männer mehr als doppelt so häufig wie Frauen. Die überwiegende Mehrheit der Erkrankungen betreffen die armen Länder.

Die meisten der im Jahr 2013 aufgetretenen Fälle weltweit wurden in Asien und Afrika (56% bzw. 29%) verzeichnet, während im Nahen Osten, Europa und auf dem amerikanischen Kontinent weitaus weniger Fälle registriert wurden (8%, 4% und 3%). In absoluten Zahlen sind die Länder, die die meisten neuen TB-Fälle aufwiesen:

  • Indien 2,0 - 2,3 Mio.
  • China 0,9 - 1,1 Mio.
  • Südafrika 0,41 - 0,52 Mio.
  • Indonesien 0,41 - 0,52 Mio. und
  • Pakistan 0,37 - 0,65 Mio.

Geschätzte 0,55 Millionen Neuerkrankungen gab es bei den Kindern unter 15 Jahren: Unter den HIV-negativen Kindern gab es geschätzt 80 000 Todesfälle. Die Anzahl der neu an TB Erkrankten fiel in der letzten Dekade um etwa 1,5% pro Jahr. Erfreulicherweise ist die Sterblichkeit (Mortalität) aufgrund von Tuberkulose seit 1990 um 45 % gefallen. Dennoch sind 2013 1,5 Mio. Menschen (fast 4.000/Tag) an Tuberkulose gestorben, davon 360. 000 HIV-positive. Die Mortalität liegt weltweit bei 15 Todesfällen pro 100.000 Einwohner.

Problematisch wird auch die zunehmende ResistenzentwicklungResistenzentwicklung
Bakterien können eine Resistenz gegen bestimmte Arzneistoffe entwickeln - das heißt, sie werden unempfindlich gegenüber diesen Medikamente. Die Medikamente, vor allem Antibiotika, sind nicht mehr gegen diese Bakterien wirksam.
Resistente Erreger entwickeln sich - insbesondere bei großen Erregermengen - entweder durch spontane Genveränderungen (Mutationen) oder durch selektive Vermehrung (Selektion) von natürlich vorkommenden resistenten Bakterien-Subpopulationen, z.B. aufgrund einer unzureichenden oder zu früh abgebrochenen Therapie.
der Erreger gegen die normalerweise erfolgreiche Antibiotikatherapie. So beträgt der Anteil von Erregern, die gegen mindestens eines der fünf Standardmedikamente resistent sind, im Jahr 2013 mehr als 14 % und liegt vergleichsweise höher als im Vorjahr, Tendenz: steigend. Ein deutlicher Anstieg der an die WHO gemeldeten MDR-TB-Fälle (MDR = multi drug resistent) wird seit 2009 verzeichnet. Schätzungsweise 480.000, entsprechend 3,5% aller neuen Tuberkulosefälle im Jahr 2013 waren multiresistente TB-Fälle. Am höchsten ist der Anteil von Multiresistenzen bei bereits vorbehandelten TB-Fällen mit über 20%. Die Mehrzahl (80%) der 2013 an die WHO gemeldeten MDR-TB-Fälle stammten aus der WHO-Region Europa, außerdem aus Indien und Südafrika.

Globalisierung und zunehmende Migrationsbewegungen aus Ländern mit hohem Tuberkulosevorkommen und hohen Resistenzraten wirken sich auch auf die Tuberkulosesituation in Deutschland aus. Der relative Anteil an Tuberkulosen bei im Ausland geborenen Mitbürgern ist weiterhin im Ansteigen begriffen (20013: über 56%). Dabei ist unter den in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion (NUS) geborenen Patienten der Anteil an multiresistenter Tuberkulose mit Abstand am höchsten (18,2 % vs. 0,7 % bei in Deutschland geborenen Patienten).